Es beginnt um 4.40 Uhr. Um diese Zeit, vor 80 Jahren, griffen deutsche Sturzkampfbomber Wielun an, eine 16.000-Einwohner-Stadt im Süden Polens. Eines der ersten Ziele war das Krankenhaus. Am Ende des Tages waren an die 1200 Menschen tot, vielleicht auch hunderte mehr, und rund drei Viertel der Gebäude der Stadt zerstört.

Am 1. September, um 4.40 Uhr, beginnt das Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs; die Veranstaltungen zum 80. Jahrestag starten in Polen eben in Wielun. Der deutsche Staatspräsident Frank-Walter Steinmeier kommt auf Einladung seines polnischen Amtskollegen Andrzej Duda, danach werden die Gedenkfeiern nach Warschau verlegt. Und daraus ist schon ein Politikum geworden.

Es spielt sich auf zwei Ebenen ab: beim Veranstaltungsort und in der Einladungspolitik. Denn auch die Westerplatte in Danzig steht symbolisch für den Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen. Fast zeitgleich mit Wielun wurde sie beschossen. Dort wurden auch schon etliche Jahrestage begangen.

Doch seit Monaten liegt die nationalkonservative Regierung in Warschau mit der Stadtverwaltung in Gdansk im Clinch. Warschau möchte auf einem Grundstück in Westerplatte ein Museum errichten - und zu diesem Zweck Gdansk enteignen. Dessen Verwaltung wirft der Regierung politischen Missbrauch vor.

Der Streit wird wohl nicht ohne Einfluss auf die Entscheidung gewesen sein, das Gedenken zum 1. September auf Warschau zu konzentrieren. Auch wenn Vizepremier Jacek Sasin lediglich kommentierte, dass ja Warschau die Hauptstadt Polens sei und dort nun einmal die wichtigsten Feiern stattfinden.

Zu diesen wird auch US-Präsident Donald Trump erwartet. Außerdem stehen Staatschefs der EU- und Nato-Länder sowie jener der östlichen Nachbarschaft - zu der unter anderem die Ukraine, Moldawien und Weißrussland gehören -, auf Präsident Dudas Gästeliste. Trumps Besuch, der vor kurzem bestätigt wurde, wurde zwar am meisten in den polnischen Medien kommentiert, doch sorgte die Einladungspolitik auch für eine Debatte, die viel über das außenpolitische Verständnis der polnischen Regierung sagt. Denn das amerikanische Staatsoberhaupt ist eingeladen, das russische aber nicht. Einerseits ist durchaus nachvollziehbar, warum Präsident Wladimir Putin nicht teilnehmen soll: Der Einmarsch der Sowjettruppen 1939 gilt in Polen keineswegs als Befreiung, und auch der aktuelle Konflikt um die Ostukraine belastet das Verhältnis zwischen der EU und dem Kreml. Aber auf der anderen Seite befeuert es im Nachbarland Polens die Vorwürfe der Russophobie und der "Geschichtsfälschung durch den Westen", denn Russland sieht sich sehr wohl als Befreier an. Dass sich aber mit Geschichte Politik betreiben lässt, zeigt sich ebenfalls in Polen. Seit der Regierungsübernahme durch die konservative PiS (Recht und Gerechtigkeit) werden National- und Heimatstolz als Thema mehr und mehr in den Mittelpunkt gerückt - und der Kampf dafür, den die Polen in den vergangenen Jahrzehnten geführt hatten. Das Weltkriegsgedenken wird der PiS-Regierung und dem ihr nahestehenden Präsidenten einmal mehr Anlass dazu geben.