Und wieder einmal: Bodyshaming! Wer den Begriff nicht kennt: Er ist um einige Jahrtausende jünger als das Phänomen, das er bezeichnet, nämlich den Spott gegen Menschen jenseits der Idealmaße, heute meist gegen Dicke. Kathryn Lewek fühlt sich als Opfer. Die US-Amerikanerin verkörperte bei den Salzburger Festspielen heuer die Eurydike in "Orphée aux enfers", einer Operette, die der Regisseur Barrie Kosky grell-erotisch inszeniert hat. Er ließ Eurydike textilarm und triebwütig über die Bühne tollen, und ja: Lewek ist nicht von schlankem Wuchs. Der Kritiker Manuel Brug stieß sich an dem Klamauk, er schrieb in der "Welt": "Und leider läuft der gut geölte Marionetten-Mechanismus schnell leer, immer wieder machen dicke Frauen in engen Korsetten in diversen Separees die Beine breit."

Lewek zürnte. Sie schrieb nicht nur an Brugs Chefredakteur und nannte den Artikel das "Werk eines faulen Chauvinisten, der nach Schulterklopfern seiner Hooligan-Genossen trachtet". Sie entfachte in den klassischen und sozialen Medien einen Shitstorm gegen den Autor. Schande über ihn!

Keine Frage: Wer Sänger als (zu) fett beschimpft, sollte sich schämen. Tat Brug aber nicht. Sein Tadel richtete sich nicht gegen die Person Lewek, sondern gegen die überdreht-ulkige Bildersprache der Regie. Das Wort "dick" mag dabei nicht sensibel gewählt gewesen sein. Es macht aber noch immer einen kultivierteren Eindruck als eine Gegnerschaft, die sich moralisch überlegen dünkt und dann mit der Mordswut einer Schauerroman-Gemeinde auf ein vermeintliches Monster losstürmt.