Er findet derzeit kaum Beachtung und ist doch eine der größten humanitären Krisen weltweit: der Bürgerkrieg im Jemen. Die von Saudi-Arabien unterstützten Truppen von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi liefern sich blutige Gefechte mit den von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützen Separatisten der Miliz "Sicherheitsgürtel". Dabei waren beide eigentlich Verbündete im Kampf gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen, die nach wie vor ihr Unwesen treiben. Obendrauf bekriegen einander im Jemen auch noch die Terrormilizen Al-Kaida und IS. Dass bei all diesen Kämpfern und Kämpfen auch in der verbliebenen Zivilgesellschaft niemand verschont bleibt, liegt auf der Hand. Der UNO zufolge werden seit 2015 und bis Ende des Jahres mehr als 233.000 Menschen dem Konflikt zum Opfer gefallen sein. Die meisten davon jedoch wegen Hunger und Seuchen. Mitten in diesem tödlichen Chaos gibt es eine Frau, die Ruhe und Überblick bewahrt. Menschen, die Radhya al-Mutawakel treffen, sind von ihrem Verstand und ihrer Rationalität beeindruckt. "Die Klarheit, die sie in einen Konflikt bringt, den zu wenige bemerkt haben, hat mich beeindruckt", sagt etwa der US-Senator und Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders. "Sie ist weder eine aufgebrachte Gewalttäterin noch ein heulendes Opfer", beschreibt sie die französische Tageszeitung "Libération". Radhya und ihr Ehemann Abdulrasheed al Faqih haben die Menschenrechtsorganisation Mwatana gegründet. Die unterstützt unter anderem Opfer, gewährt Rechtsbeistand, vor allem aber sammelt sie Fakten im Jemen: Wo Verbrechen begangen werden, wo gegen Menschenrechte verstoßen wird, wo gemordet und verletzt wird. Radhya und ihre Organisation ergreifen dabei nicht Partei ("Alle begehen täglich Menschenrechtsverletzungen"). Vielmehr reist die 43-Jährige mit diesen Daten im Gepäck rund um die Welt und versucht, die Staatengemeinschaft dazu zu bewegen, etwas zu tun, um dem Grauen Einhalt zu gebieten. Sie sprach schon vor dem UN-Sicherheitsrat, dem außenpolitischen Ausschuss im US-Kongress und hat eine Tour quer durch Europa hinter sich. Seit einem Jahr ist sie allerdings nicht mehr in ihre Heimat gereist. Das dürfte auch an ihrer Rationalität liegen. Denn Radhya ist zwar engagiert, aber wohl nicht lebensmüde. Als sie das letzte Mal aus dem Jemen ausreiste, um an einer Konferenz in Oslo teilzunehmen, wurde sie festgehalten, zwölf Stunden lang. Erst nach internationalen Interventionen ließen sie die Regierungstruppen letztlich doch das Land verlassen. Seither koordiniert sie ihre 70 Mitarbeiter in 20 der 21 jemenitischen Gouvernements vom Ausland aus. Die wiederum sammeln weiter fleißig, um Radhya Unterlagen für ihr Plädoyer für eine Befriedung des Landes zu liefern.