Dass breitenwirksames Kino, wie es Todd Phillips in "Joker" bietet, bei einem Filmfestival wie jenem von Venedig den Hauptpreis, den Goldenen Löwen, gewinnt, ist alles andere als üblich. Denn normalerweise achten gerade die großen Filmfestivals und ihre Jurys penibel darauf, dass der Ruf von der Brutstätte für Filmkunst unbeschädigt bleibt. Daher sind Preise wie für Alfonso Cuarons "ROMA", der im Vorjahr in Venedig gewann, durchaus verständlich: Dahinter steckte zwar kein Filmstudio im klassischen Sinn (sondern Netflix), doch Cuarons Film ist durch und durch Kunst und kilometerweit vom Mainstream entfernt.

Aber "Joker"? Die Geschichte von Batmans Erzfeind Nummer eins? Ein Comic? Inszeniert vom "Klamauk"-Regisseur Todd Phillips, der "Hangover" auf dem Gewissen hat? Auf dem Siegertreppchen? Ja, geht denn so was?

Es geht, wie die Jury um die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel (selbst nicht unbedingt Mainstream) am Samstag bewies: Weil dieser von Joaquin Phoenix so genial gespielte "Joker" nicht nur eine interessante Figur ist, die hier fernab des Comic-Universums ihren psychischen Super-GAU durchleidet, sondern weil Phillips und Phoenix damit nichts weniger wagen als die Neugeburt eines ganzen Genres, nach der nichts mehr so sein kann wie davor. Der Goldene Löwe für "Joker" ist vor allem auch deshalb so bemerkenswert, weil er zeigt, dass die große Filmkunst auch im Mainstream-Kino stattfinden kann und sich dabei nicht einmal zu verstecken braucht.