Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.
Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Eine überraschende Meldung kam in diesem Sommer vom Business Roundtable (BRT), einer der potentesten Interessensvertretung der amerikanischen Wirtschaft. Die Mitglieder des BRT, alles CEOs der weltgrößten Unternehmungen, veröffentlichten nämlich ein aufsehenerregendes Dokument zum Ziel unternehmerischer Tätigkeit mit folgender Kernaussage: Es ist nicht ausreichend, nur den Interessen der Shareholder, also der Kapitaleigentümer, zu dienen, sondern Unternehmen haben Werte für alle Stakeholder zu schaffen, die von den Kunden bis zu den Beschäftigten, Geschäftspartnern und lokalen Gemeinden reichen. In den 181 Unterschriften dieses Dokuments finden sich Jeffrey Bezos von Amazon, Tim Cook von Apple und Darren Woods von Exxon Mobile.

Ein solches Testimonial überrascht in mehrfacher Weise. Sind es nicht gerade diese Firmen, die es schafften, ihre Steuern bis auf symbolische Zahlungen zu reduzieren, Produkte mit mangelnder Reparaturmöglichkeit zu verkaufen und Mitarbeiter in den Vertriebsketten besonders schlecht zu entlohnen? Haben nicht einige dieser Unternehmungen noch vor kurzem aktiv die Leugner eines Klimawandels unterstützt?

Vielleicht ist aber doch ein anderer Blick zielführender. Auch diese prominenten Lobbisten können nicht mehr übersehen, dass viele Dogmen für wirtschaftliches Handeln, die bisher als unantastbar galten, brüchig geworden sind. Das betrifft auch den postulierten Primat der Shareholder vor den Stakeholdern, eine fundamentale Meinung im Mantra des dominierenden globalen Wirtschaftsmodells. Dass dieser Shareholder-Kapitalismus an vielen aktuellen Herausforderungen scheitert, kann auch in den CEO-Etagen von Big Business nicht mehr negiert werden.

Zu stark sind die Konflikte um Ungleichheit bei Wohlstand und Einkommen geworden und bei der Übernutzung von Rohstoffen, vor allem den fossilen. Diese Kontroversen machen aufmerksam, dass ein alleiniger Fokus auf die Shareholder zu kollektiver Kurzsichtigkeit führt: Es dominiert das nächste Quartalsergebnis, um den Finanzinvestoren zu gefallen; es werden Kosten unterdrückt, um nicht Kunden zu verlieren.

Warum diese von einer so prominenten Plattform verkündete Schubumkehr von einer Shareholder- zu einer Stakeholder-Wirtschaft soviel Aufmerksamkeit verdient, ist an den Folgen einer solchen Deklaration ablesbar. Sollen solche Erklärungen nicht nur Rhetorik bleiben, dann ist in den meisten Unternehmungen ein Ausstiegsprogramm vom bisherigen Geschäftsmodell zu starten. Es wird einige Zeit dauern, bis die schwerfälligen Tanker von Big Business ihren Kurs verändern, und manche werden dabei auch scheitern.

Es wird eine ganz neue Kooperation mit den Finanzinvestoren notwendig sein, die auf einem wechselseitigen Vertrauen in langfristige Ziele beruht, statt auf dem kurzfristigen Vergleich von Kapitalrenditen. Dann werden aber auch die Kunden gefordert sein, nicht nur den Preis, sondern auch die gesamte Geschichte eines Produktes bei ihren Kaufentscheidungen zu beachten. Das alles mag derzeit aussichtslos erscheinen, verdient aber zumindest unsere Aufmerksamkeit.