Der Musikverlag Universal Edition hat seine Kunden im Verdacht: Wer im Notenfachhandel eine Partitur von Arvo Pärts "Kanon Pokajanen" kauft, muss quasi naturgemäß ein Urheberrechtsverletzer sein. Kaum hat der Bösewicht die Noten in der Hand, hat er schon den Fotokopierer im Kopf. Um den potenziellen Malefikanten von seiner Tat abzubringen, druckt der Verlag auf alle linken Seiten "no copying" und auf alle rechten riesengroß das Verlagslogo quer über die Noten. Damit ist die Partitur nahezu unbrauchbar, denn die Vermerke lenken das Auge von den Noten ab. Laut Fachgeschäft geht die Universal Edition derzeit bei zahlreichen Notenausgaben so vor.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Kein Zweifel: Was sich an Urheberrechtsverletzungen abspielt, bringt Verlage in Bedrängnis. Es kann aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein, den Käufer unter vorauseilenden Verdacht zu stellen und die Lesbarkeit des gekauften Produkts zu mindern. Konsequent weitergedacht, müsste Suhrkamp quer über alle Seiten seiner Thomas-Bernhard-Edition "Kopieren verboten" drucken und Rowohlt die Seiten der Elfriede-Jelinek-Bücher mit dem Stempel "Kopieren ist ein Verbrechen" versehen.

Vielleicht erscheinen demnächst Bücher, die auf leeren Seiten nur diese Kopierverbote enthalten. Und irgendwann kommt dann ein Sammelband heraus: "Die schönsten Kopierverbote". Selbstverständlich mit dem allerschönsten Kopierverbot quer über all die schönsten Kopierverbote gedruckt. Bei der Luxusausgabe wäre er händisch gestempelt.