Es waren außergewöhnliche Tage der deutschsprachigen Literatur. Noch nie wurde das Wettlesen auf diese Weise ausgetragen: ausschließlich digital, mit Lesungen der Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus ihren Wohnungen, Häusern, Büros. Erst wollte der ORF die Veranstaltung ja im Schock der Pandemie absagen, aber glücklicherweise hat ein Aufschrei der Jury zum Umdenken geführt. Das war gut - aber schließlich auch die Pflicht des öffentlich-rechtlichen Senders. Denn der Bildungsauftrag in der Kultur darf nicht gerade da enden, wo die Kultur ohnehin schon schwer ins Straucheln geraten ist.

Der diesjährige Bachmannpreis hatte eine versöhnliche Aura. Gewann ihn doch eine Autorin, die bereits 1980 eingeladen gewesen wäre, aber damals die DDR nicht verlassen durfte. Für Helga Schubert war es wahrscheinlich von allen Teilnehmern die größte Genugtuung, dass nicht auch diese Ausgabe für sie ins Wasser gefallen ist. Dass der Preis schließlich auch der ältesten Kandidatin verliehen wurde, war aus mehreren Gründen eine gute Entscheidung: Sie hat keine Twitter-Claqueur-Gemeinde hinter sich, konnte sich aber durch die "Digitalausgabe" des Bachmannpreises auch in diesen Publikumsschichten bekannt machen. Und für sie bedeutet der Preis eine Rückkehr in den Literaturbetrieb, den sie sonst wahrscheinlich gescheut hätte. All das in einer Zeit, in der ältere Menschen großflächig in der Schublade "Risikogruppe" stecken und zur Passivität verurteilt waren.