Journalismus soll berichten, was Menschen wissen sollen. Das ist eine verknappte, aber wohl doch betreffende Umschreibung. Wo das angeblich nicht so funktioniert, ist die "New York Times". Dort hat nun eine Redakteurin des Meinungsressorts den Hut genommen. Bari Weiss war von der liberalen Zeitung als eine Art konservatives Gegengewicht (man könnte so etwas auch Feigenblatt nennen) angestellt worden - sie sollte die Meinungsseiten der Zeitung etwas ausgewogener wirken lassen. Das hat nicht so gut funktioniert. In einem Brief an den Herausgeber, den sie öffentlich machte, erklärte sie ihren Rückzug. Die "NY Times" sei gar nicht an Meinungsvielfalt interessiert, vor allem sei sie wenig an eigenen Meinungen interessiert, denn man richte sich nur noch nach den Trends und Moralvorstellungen von Twitter und den dort regierenden Meinungsführern: "Twitter ist nicht das Impressum der ‚New York Times‘", schreibt Weiss in ihrer Kündigung, "aber es ist zu ihrem mächtigsten Redakteur geworden. Die Moral der Plattform ist zur Moral des Blattes geworden." Für ihre "falschen" Meinungen sei sie von Kollegen gemobbt worden.

Wenn ausgerechnet die Meinungsseiten von Medien einer Form von Zensur unterliegen - auch in der "Presse" wurde zuletzt ein Gastkommentar als inakzeptabel verweigert, diese Woche entschuldigte sich Chefredakteur Rainer Nowak für die Entscheidung - ist das verheerend. Weil es das höchste Gut, das Medien brauchen, beschädigt: das Vertrauen des Lesers.