Rassistisch sind unter anderem Michael Endes "Jim Knopf"-Bücher und Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf". Das geistert derzeit, angeregt durch ein Interview mit der Pädagogin Christiane Kassama in der "Zeit", durch das deutsche Feuilleton und die Sozialen Medien. Rassistisch, weil Jim Knopf Klischees über Schwarze transportiert, rassistisch, weil Pippis Vater ein Vorurteil über den Kongo unkorrigiert lässt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Und unsereiner dachte immer, die Pippi sei anarcho-feministische Früherziehung! In Wahrheit ist das rothaarige Gör eine Protofaschistin. Gerüchten zufolge will Donald Trump sie als US-Vizepräsidentin aufstellen.

Das Kind ist ausgeschüttet samt Bad, Goldfischglas und Aquarium. Die Guppys liegen vereint mit den Hammerhaien auf den Dielen und japsen nach Wasser. Es ist sinnlos geworden, mit stilistischer Qualität, Lesevergnügen, Früherziehung zu selbständigem Denken, zum Lesen von literarischen Texten entgegenzuhalten. Längst trägt die Diskussion Züge der Präastronautik: So wie deren Anhänger jedes Phänomen einzig und allein unter dem Aspekt betrachten, die Erde habe in grauer Vorzeit Besuch aus fernen Galaxien bekommen, lesen die Rassismus-Detektive Kinderbücher wie Klassiker ausschließlich in der Überzeugung, irgendwo müsse sich im Text eine Diskriminierung schwarzer Menschen verbergen. Dass es den Anliegen der Black-Lives-Matter-Bewegung hilft, wenn ein großer Teil der Klassiker und der klassischen Kinderbücher in die Tonne getreten wird, darf bezweifelt werden.