Political Correctness ist eine gute Sache - im Kern. Wo Minderheiten Schutz vor Ausgrenzung und Hohn finden, wird die Kraft des Stärkeren beschränkt: ein zivilisatorischer Fortschritt. Nur wird dieses Konzept leider oft pervertiert, und das passiert so: Eine Handvoll Kläger argumentiert mit persönlichen Kränkungsgefühlen, um der Gesamtgesellschaft ihren Willen aufzuzwingen. Solcherart praktiziert wird Political Correctness zu dem, wogegen sie sich anfangs als Korrektiv verstand: zum Herrschaftsinstrument.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Diese Macht lässt sich derzeit in London trefflich beobachten. Dort wird einem Nationalheiligtum der Mund gestopft, dem Lied "Rule, Britannia!". Das soll heuer nur in einer Orchesterfassung beim Schlusskonzert der "Proms" in der Royal Albert Hall erklingen. Wieso der Verzicht darauf, im gemeinsamen Gesang Freude zu finden? Weil das Lied "imperialistisch" sei, sagen die Kläger und verweisen auf den Refrain: "Britannien, beherrsche die Wellen / Briten werden niemals Sklaven sein." Mit Verlaub: Das ist schon eine sehr dünne Suppe, um Kritikern sauer aufzustoßen. Weder fordert das Lied die Landsleute dazu auf, andere Länder zu unterjochen, noch deren Einwohner zu versklaven. Denkbar zwar, dass sich Englands Kolonialherren durch die Zeilen bekräftigt fühlten. Aber daran ist der Hymnus unschuldig. Es macht die Welt kein Stück gerechter, wenn dieser Text verschwindet. Seine Demontage zeigt nur, dass Machtkämpfe im 21. Jahrhundert gerne gefinkelt ausgetragen werden: Nicht mehr mit offenem Visier, sondern hinter der Maske der Moral.