Da sage noch einer, die Welt stehe still wegen Corona. Seit Dienstag hat das Wiener Museumsquartier - pandemieverzögert, aber doch - eine neue Sehenswürdigkeit auf dem Dach, nämlich die "Libelle". Das ist ein verglaster, geschwungener Baukörper, 25 Meter über dem Straßenboden auf der Terrasse des Leopold Museums. Der Kobel bietet einen Blick auf die Stadt, und - das Beste - er zwingt seine Gäste zu keinerlei Konsum.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Nun schaut man einer geschenkten Libelle nicht ins Maul. Es sei aber doch eine alte Anmerkung wiederholt: Warum heißt dieser Neubau wie ein Insekt, sieht diesem aber gar nicht ähnlich, sondern erinnert - aus der Vogelperspektive - vielmehr an etwas ganz anderes aus dem Formenreichtum der Natur? Die rüsselartige Konstruktion, die zwei Rundungen links und rechts an der Wurzel: Dieser Grundriss erinnert an etwas, das Lausbuben gern an die Wände kritzeln - die Kontur eines Gemächts.

Nun sind phallische Formen in Städten kein Fremdkörper, siehe Wolkenkratzer oder Türme. Dennoch seltsam in unseren Zeiten, dass solche Silhouetten noch Zuwachs erhalten. Merkwürdig auch, dass sich noch keiner der sonst so wutwilligen Gender-Sensiblen beklagt hat. Warum, könnten sie poltern, diese Phallokratie an einem Prestige-Ort? Und wenn schon ein Spatzi auf dem MQ-Dach, wo bleibt das weibliche Pendant? Aber gut: Ein Umstand schützt die "Libelle" wohl vor bösen Blicken. Dass man ihre Virilität nur dann so recht sieht, wenn man in einem Flieger sitzt. Und die sind derzeit eher rar.

Die "Libelle" auf dem Dach des Leopold Museums. - © O&O Baukunst
Die "Libelle" auf dem Dach des Leopold Museums. - © O&O Baukunst