Eine Premiere ist eine Premiere. Meistens. Beim Ballett gibt es jetzt eine Premiere der anderen Art: nämlich die Premiere, längst gezeigte Stücke als Premiere zu betiteln. Bei einer Uraufführung ist alles klar: Zum ersten Mal sieht man etwas, was man bisher noch nie gesehen hat. Beim Begriff Premiere können die Bedeutungen jetzt verschwimmen, denn der neue Chef des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer macht’s möglich.

Die Premiere bei der Premiere
am kommenden Sonntag in der Volksoper in Wien ist - eigentlich gar nichts. "Hollands Meister" heißt der Tanzabend. Die Stücke sind zugegebenermaßen äußerst interessant und sehenswert, wie es bei Arbeiten von Choreografen und Direktoren des renommierten Nederlands Dans Theater zu erwarten ist. Aber alle diese Stücke werden nicht zum ersten Mal vom Staatsballett auf die Bühne gebracht. Die Premiere besteht - in der neuen Zusammenstellung.

Moderne Ballettfans hätten sich freilich eine echte Premiere gewünscht; eine, die den modernen choreografischen Stil Schläpfers mit einem Schlag vor Augen führt. Doch Schläpfer setzt auf Stücke, die das konservativere Wiener Ballettpublikum behutsam in die neuen Zeiten einführen; Stücke, die sich vermehrt dem zeitgenössischen Tanz mit klassischer Basis widmen werden.

Verständlich und berechtigt. Aber es ist vielleicht auch ein Beweis dafür, dass die vergangenen Zeiten gar nicht so verstaubt gewesen sind.