Hand aufs Herz: Können Sie erklären, was ein Algorithmus ist? Und was er tut? Also: ernsthaft. Immerhin handelt es sich um etwas, das unser Leben entscheidend (mit)bestimmt. Ich will Ihnen gleich zwei Beispiele dafür geben, aber zunächst werfen wir einen Blick in Wikipedia: "Ein Algorithmus", lese ich da, "ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. (...) Bei der Problemlösung wird eine bestimmte Eingabe in eine bestimmte Ausgabe überführt." Klingt doch logisch. Aber dann auch wieder nicht. Wir befinden uns jedenfalls mitten im kühlen Spielsalon der Mathematik und Informatik. Und, ja, Programme sind so etwas wie die konkrete Ausformung von Algorithmen. Den ersten hat 1843 (!) Ada Lovelace für eine nie vollendete "Analytical Engine" festgehalten. Voilà!, die Urmutter aller Programmierfexe. Dass freilich auch Kochrezepte, Gesetze, Verträge oder Ikea-Montageanleitungen in die Definition von Algorithmen fallen können, erstaunt Laien wie mich. In der ursprünglichen Bedeutung - der Begriff geht zurück auf den arabischen Gelehrten Al Chwarizmi im 9. Jahrhundert - ging es ums Einhalten arithmetischer Regeln.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Heute, scheint es, sind Algorithmen zu mystischen Allgegenwartsproblemlösern herangereift. Egal, ob bei der Auswahl und Abfolge von Facebook-Postings, die der virtuelle Freundeskreis zu Gesicht bekommt, oder den Kreditvergabekriterien von Bankmanagern, die eigentlich nur noch als menschliche Sprechpuppen eines Zentralrechners fungieren. Mathematische Modelle beherrschen unsere Gesellschaft, von der Geburtsstation über Sexualkontakte bis zur Pensionshöhe. Aber sind sie fair, unfehlbar, menschlich (im positiven Sinn)? Nicht immer. Es gibt so etwas wie algorithmische Voreingenommenheit, auf englisch: Algorithmic Bias.

Cathy O’Neil, US-Mathematikerin und Buchautorin ("Weapons of Math Destruction", sic!), bringt es auf den Punkt: "Die Leute vertrauen ihnen zu viel." Ihnen, den Algorithmen. Die hierzulande etwa beim Arbeitsmarktservice im Einsatz sind. Pardon: waren. Denn die Behörde machte den AMS-Chefitäten einen Strich durch die Rechnung - und verbot kurzerhand den Einsatz der Programme, die Arbeitssuchende in drei Kategorien unterteilten. Je nach ihren vermeintlichen Chancen am Arbeitsmarkt. Diese Form des "Profilings" sei ohne gesetzliche Grundlage. Dass etwa Frauen und Nicht-Österreicher automatisch schlechter eingestuft würden, zudem diskriminierend. Der Algorithmus bilde nur die Realität ab, hielt die AMS-Führung dagegen. Zukunftsaussichten: ungewiss.

In Großbritannien revoltieren derweil Schüler und Studenten gegen die Notenvergabe per Maschinenentscheid. Diese Corona-bedingte Neuerung der Schulbehörde wurde als formal und sozial unzumutbare Blackbox empfunden und mit dem Schlachtruf "Fuck The Algorithm" quittiert. Ergebnis: zurück zum Lehrer-Urteil! Dass aber auch in puncto Einwanderung, Sozialhilfe oder Bürgerrechte längst künstliche Intelligenz (ver)waltet, dämmerte erst langsam. Warum sich letztlich der Mensch mehr und mehr selbst abschafft, bleibt eine bislang auch von Algorithmen ungelöste Frage.