Wieder beschädigt die politische Korrektheit einen klassischen Text: Im Mare-Verlag erschien eine Neuübersetzung von Joseph Conrads Seemanns-Roman "The Nigger of the ‚Narcissus‘". Der neue deutsche Titel lautet "Der Niemand von der ,Narcissus‘". Im Text selbst wird "Nigger" mit "schwarzer Mann" übersetzt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Der an sich sehr gute Übersetzer Mirko Bonné muss dabei genau wissen, dass er gegen den erklärten Willen des Autors verstößt: Der Ausdruck "Nigger" traf nämlich schon bei der Erstveröffentlichung 1897 auf den Widerstand des Verlags, der fürchtete, schwarze Leser zu verlieren. Der Verlagstitel lautete daher "The Children of the Sea".

Conrad kämpfte indessen um den "Nigger" - aber nicht, weil er Rassist gewesen wäre. Conrad war Seemann, und Seeleute hatten schon damals mit derart vielen Ethnien kameradschaftlichen Umgang, dass ihnen Rassismus fremd war. Ausdrücke wie "Nigger" drückten nicht Rassismus aus, sondern gehörten zum Soziolekt der Seeleute, der ein Bestandteil von Conrads Sprache ist. Da "schwarzer Mann" fremd in diesem Soziolekt ist, fällt der Ausdruck auf und betont deshalb die Ethnizität - die bei Conrad eine unwesentliche Rolle spielt. Einen englischen Seemannsroman der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert an die erwünschte Wortwahl deutschsprachiger Landratten des 21. Jahrhunderts anzupassen, ist Unfug. Ein Schuss ins Knie der politischen Korrektheit ist es obendrein: Dank des Umschreibens ist der ,"schwarze Mann" jetzt ein "Niemand".