Für manche mag es eine Erleichterung sein, dass Silvester heuer quasi ausfällt, und natürlich ist es lobenswert, aufgrund der Pandemie heuer auf den Verkauf von Raketen und Böllern zu verzichten. Noch lobenswerter und noch dazu klimafreundlich wäre es, das jedes Jahr so zu halten. Diskutieren sollten wir also, wie wir Silvester feiern, und nicht ob. Denn der 31. Dezember ist kein Tag wie jeder andere. Weihnachten verschieben wir ja auch nicht in den Februar, obwohl da die Wahrscheinlichkeit für White Christmas vielleicht höher wäre. Und wer schon einmal versucht hat, eine Geburtstagsfeier vorzuverlegen, weiß: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Alles andere ist zwar ganz nett, aber nicht dasselbe.

Feste sind Rituale, und Menschen brauchen Rituale. Das gilt besonders für den Jahreswechsel: Jahr für Jahr quetschen wir uns in einer Menschenmenge in der Innenstadt aneinander, gemeinsam zählen wir den Countdown bis Mitternacht. Punkt Mitternacht tanzen wir unbeholfen zum Donauwalzer, umarmen fremde Menschen, gefolgt von Bussi-Bussi. In diesen Momenten fühlen wir uns verbunden und spüren, dass wir nicht allein sind, sondern Teil einer Gemeinschaft.

Bettina Figl ist Redakteurin im Wien-Ressort der "Wiener Zeitung". - © Milena Krobath
Bettina Figl ist Redakteurin im Wien-Ressort der "Wiener Zeitung". - © Milena Krobath

Silvester ist aber auch das Fest des Ausnahmezustands, der Ekstase, der Grenzerfahrung: Wir machen die Nacht zum Tag, tanzen barfuß im Club, schmusen mit der besten Freundin, erklimmen den Kahlenberg, um beim Ausnüchtern den ersten Sonnenaufgang des Jahres zu beobachten. Am nächsten Tag sind wir verkatert, aber voller Euphorie: Was für ein Silvester! Es entstehen Erinnerungen, die hängen bleiben, und Geschichten, die wir unseren Enkerln erzählen werden. Doch heuer macht uns Corona einen Strich durch die Rechnung, indem es genau jene Art von Feiern, die wir zu Silvester in der Regel pflegen, verhindert: große Menschenansammlungen im öffentlichen Raum. Heuer werden wir also nicht grölend durch die Straßen ziehen und Sektflaschen mit neuen Bekannten teilen. Manche trifft das härter als andere. Weihnachten ist das Fest der Familie und Silvester das Fest der Freundschaft.

Dass Zweiteres heuer flachfällt, trifft junge Menschen, aber auch die LGBTQ-Community, härter als andere. Nicht nur ihnen gibt Gemeinsam-durch-die-Stadt-ziehen ein Gefühl von Freiheit und Verbundenheit. In diesem Ausnahmejahr litten viele unter Einsamkeit und lechzen danach, nun wenigstens unbeschwert gemeinsam Silvester feiern zu können und sich kollektiven Rauschzuständen hinzugeben. Die Impfung ist zwar in Griffweite, aber noch heißt es durchhalten. Deshalb brauchen wir heuer das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Rituale, die dieses stärken, mehr denn je. Die Möglichkeiten sind begrenzt, aber aufs legendäre "Dinner for One" ist Verlass, ebenso auf die Technologie: Mit den besten Freunden Bleigießen, russische Eier essen und das Wohnzimmer zur Tanzfläche machen, das geht auch via Videotelefonie. Eines ist gewiss: Wir dürfen uns auf ein Silvester freuen, von dem man sich noch lange erzählen wird.