Das sei jedem Diktator und jedem, der sich zu einem solchen aufschwingen will, eine Lehre: Ein Buch schreiben! Unbedingt. Denn wenn es mit dem Diktatorentum nicht klappt und man durch Umsturz oder Tod abgelöst wird, kann man immer noch als Bestsellerautor schlimmstenfalls posthume Karriere machen. Das wusste schon Julius Caesar. Und auch Adolf Hitler.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Doch während Caesars seinerzeitiger Bestseller heute auf Klassenzimmer oder - Corona-bedingt - Distance Learning beschränkt ist, erlebt jener Hitlers einen Höhenflug: Die kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" hat, trotz des Preises von 59 Euro und einer absichtlich leseunfreundlichen Aufmachung, im vorigen Jahr die 11. Auflage erlebt. Und dieser Tage erscheint in Polen eine neue Übersetzung. Sie stammt von Eugeniusz Cezary Król. Der Warschauer Historiker hat mit seiner kommentierten Ausgabe natürlich nichts Affirmatives im Sinn, im Gegenteil: Er will eine fundamentierte Auseinandersetzung erreichen und hofft, dass seine Arbeit die beiden vorhandenen gekürzten und korrumpierten Übersetzungen ablöst.

Hitlers Karriere als Bestsellerautor verstört und erschreckt dennoch. Hitler auf Englisch, Polnisch, Arabisch, Urdu, Französisch und mehr - alles Neuübersetzungen: Mit wenigen Ausnahmen will niemand unreflektiert die Hasstiraden verbreiten. Und doch geschieht auch das. Denn nicht jede Ausgabe ist ausreichend kritisch kommentiert. Und wenn, dann liest doch nicht jeder Leser auch die Fußnoten.