Wenn heutzutage unvorstellbare

Verwerfungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Relation gesetzt werden wollen, so enden solche Analysen nicht selten mit dem Zusatz "seit dem Zweiten Weltkrieg". In Corona-Zeiten ist dieser Vergleich besonders oft bemüht worden, um die globalen Auswirkungen der Pandemie zu beschreiben. So erklärte der gewählte US-Präsident Joe Biden kürzlich, dass in den USA mehr Menschen am Virus gestorben seien als US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Und sogar im Sport wurde und wird der Vergleich mit 1945 bereits bemüht.

Dabei taugt dieser Rückgriff nur bedingt. Erstens handelte es sich beim Weltkrieg um einen von Menschen entfesselten, schweren militärischen Konflikt und nicht etwa um eine Naturkatastrophe, zu denen wiederum Pandemien zählen. Und zweitens ist es nicht so, dass mit der Beendigung des Krieges im September 1945 alles Leid auf der Welt über Nacht verschwunden wäre. Kriege und Pandemien gab es seither ja zur Genüge, nur halt nicht in unserer europäischen Blase.

Wenn man eine Relation zum Zweiten Weltkrieg - und genauso zum Ersten - ziehen möchte, so gelingt dies am besten mit Blick auf das bei Krisen oft abhandenkommende Zeitgefühl. Als 1914 die Soldaten an die Front zogen, taten sie dies in der Hoffnung, dass der Krieg nach vier Wochen zu Ende sein würde. Aus Wochen wurden aber Monate und aus Monaten Jahre. Es war die stete Ungewissheit, welche die Leute damals umtrieb - und die auch heute in der Pandemie so schwer zum Tragen kommt.

Mit Blick auf den Sport bedeutet das, dass auch hier nichts fix ist. Gut möglich, dass noch 2022 die Stadien leer sein werden oder dass Olympia in Japan überhaupt abgesagt wird. Eine Fußball-WM in Katar 2023? Wir leben in der größten Ungewissheit seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ist fix.