Dort gibt es keine steilen Berge, keine Gipfelkreuze, keine Skilifte. Wenn, dann werden die Hügerl, auf denen sich die Kinder im Winter eine Piste austreten - zumindest war das früher so -, nach den Bauern, die sie bewirtschaften, benannt: Adi-Berg, Reindl-Berg, vielleicht "Kriechmoar"-Berg. Denn der neue Super-G-Weltmeister Vincent Kriechmayr stammt von einem Gehöft in Gramastetten ab. Das liegt nördlich von Linz im Mühlviertler Zentralraum, wo es eben keine Pisten gibt, außer man baut sie sich selber. Die nächste größere Erhebung ist der Linzer Pöstlingberg - aber dort liegt im Winter meist kein Schnee.

Diese Wurzeln muss man kennen und benennen, um den Weltmeister-Titel des 29-Jährigen als ganz besondere Meisterleistung einordnen zu können: Auch wenn der junge "Vinc" das richtige Skifahren in Obertauern erlernte (wo Vater und Mutter neben der Landwirtschaft als Skilehrer arbeiteten) und er später in Windischgarsten und Schladming zur Schule ging - als Flach- und Hügelländler hatte er gewiss einen Startnachteil gegenüber den Salzburgern, Tirolern und Kärntnern, die den Lift eben vor der Haustüre haben.

Da braucht es viel Leistungswillen und Durchhaltevermögen, um im harten Skirennsport ganz nach oben zu kommen. Dass Kriechmayr stolz auf seine Herkunft ist und sich trotz seiner Erfolge auch nicht zu schade ist, weiterhin den Stall auszumisten (auch, wenn keine Kameras dabei sind), macht ihn ganz besonders sympathisch. Und er ist - gerade in Zeiten, in denen Skifahren besonders im linksurbanen Milieu hasserfüllt zum Feindbild mutiert - ein wunderbares Vorbild für alle in diesem Land: Gegen alle Wahrscheinlichkeit hat er es vom Bauernbub zum Goldjungen gebracht. Was für ein österreichischer Traum eigentlich!