Die Optik war nicht die beste: Am Freitag ist über Medienberichte ans Licht gekommen, dass 95 Mitglieder der Wiener Philharmoniker eine erste Impfung erhalten haben; die Rede war von einer Vorreihung. Suboptimal auch, wie das Orchester mit der Aufregung umging: Am Sonntag hieß es am Rande einer Konzert-Aufzeichnung, die Emotionen seien fehl am Platz. Seit Pandemiebeginn habe man an vorderster Front für die Aufrechterhaltung des Kulturbetriebs gekämpft; um da weiterzumachen und Terminverpflichtungen einzuhalten, sei die frühe Impfung wichtig.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Es stimmt wohl beides. Kein Orchester hat unter den Coronaknebeln so viel Tatkraft bewiesen wie die Philharmoniker: Allein seit November spielten sie acht (Medien-)Termine im leeren Musikverein und begleiteten als Staatsopernorchester die (TV-)Premieren des Hauses. Das ist nicht nur löblich - es barg Risiken, die es zu minimieren galt. Zudem hilft die Impfung, rechtliches Ungemach fernzuhalten. Könnte das für Mai anberaumte TV-Konzert mit Riccardo Muti in Mailand wegen mehrerer Musiker-Ausfälle nicht stattfinden, müsste das Orchester Pönalen entrichten. Und: Träfe ein solches Unglück das Sommernachtskonzert in Wien, entstünde dem Orchester ein Riesenverlust - weil es das für die Allgemeinheit kostenlose Event auf eigene Rechnung veranstaltet. Da ist eine Impfung nur würdig und recht. Bloß: Es sollte nicht so aussehen (und davor wurde auch intern gewarnt), als finde diese Impfung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion statt. Weil das Wasser auf die Mühlen einer Neiddebatte ist.