Wir leben, der Formulierung eines chinesischen Fluches folgend, in "interessanten Zeiten". Diese sorgen dafür, dass der Stresspegel allerorten deutlich über dem Normalzustand liegt. Menschen, mit denen man schon normalerweise mehr schlecht als recht auskommt, werden zunehmend unerträglich. Das sorgt für Ärger, Zorn und Resignation.

Eine Linzer Kunststudentin hat da die richtige Idee: Auf der Dachterrasse der Linzer Kunstuniversität kann man von 26. bis 30. April jeden Nachmittag von 16 bis 18 Uhr seinen Emotionen freien Lauf lassen. In der Zeit darf man sich Sorgen, aber auch Freude oder Wut einfach von der Seele schreien. Mit den Ergebnissen dieser Aktion wird dann am 2. Mai der Hauptplatz beschallt. Initiatorin Marion Theres Winter will damit den Emotionen Gehör verschaffen: "Leider ist es in unserer Gesellschaft nicht erlaubt, im öffentlichen Raum alle Gefühle zuzulassen und zum Ausdruck zu bringen."

Allerdings gibt es bei der gepflegten Eskalation einen kleinen Haken: Denn Worte sind beim Schreien tabu! Es darf nur geschrien werden, aber der Schrei an sich soll die Botschaft sein und keine eigene Botschaft tragen. Das ist natürlich ein kleiner Nachteil für alle, die ganz gerne den Corona-Leugner-Nachbarn die Leviten geschrien hätten.

Apropos Virus: Zudem muss man sich, um Corona-gerechtes Schreien zu gewährleisten, vorher anmelden. Dennoch hat die Aktion das Zeug zur Dauereinrichtung. Denn Grund zum Schreien gibt es ja immer.