"Die Frage ist, wie die anderen Fahrer auf mich reagieren. Ich werde jede Emotion akzeptieren." Es ist kein einfaches Comeback, das Dylan Groenewegen beim Start des 104. Giro d’Italia am Wochenende in Turin erwartet. Nicht weil er verletzt gefehlt oder ihn eine positive Dopingprobe überführt hätte. So etwas ist im Radsport schließlich nicht weiter ungewöhnlich. Tatsächlich ist aber das, was sich der Holländer im vergangenen August bei der Polen-Rundfahrt geleistet hat, in dieser Form noch nie da gewesen. Das wird nicht nur mit Blick auf die Strafe - eine Sperre von neun Monaten -, sondern auch auf die Folgen für seinen Landsmann Fabio Jakobsen mehr als deutlich.

Besieht man die Online-Videos, die Jakobsens Horror-Crash in Kattowitz zeigen, so bleibt kein Zweifel: Der Radprofi krachte nicht aus Unachtsamkeit mit 80 Stundenkilometern brutal in die Seitenplanen, sondern weil ihn Groenewegen mehr oder weniger absichtlich abgedrängt hatte. Jakobsen lag daraufhin im Koma, musste mehrmals operiert und im Gesicht mit 130 Stichen genäht werden. Zudem blieb ihm nur noch ein einziger eigener Zahn.

Unter gewöhnlichen Umständen müsste sich Groenewegen vor einem Gericht wegen schwerer Körperverletzung verantworten. Allerdings tendiert das Sportrecht dazu, selbst solche "kriminellen Akte" (Zitat Deceuninck-Rennstall) nur mit einer Sperre zu bestrafen, weil eben Turniere und Rennen immer mit einem Unfallrisiko behaftet seien. Das mag stimmen, allerdings so leicht darf man es sich auch nicht machen - wozu gibt es dann Regeln? Wie zum Beispiel jene, dass die Fahrer im Zielsprint die eigene Spur zu halten haben? Diese Regel hat Groenewegen nachweislich nicht beachtet. Dass er dafür nur über den Corona-Winter gleichsam in Quarantäne geschickt wurde, war zu wenig. Und das wird ihn die Konkurrenz wohl spüren lassen.