Ist Marko Arnautovic ein übler Rassist oder einfach nur ein Depp, der in der höchsten Emotion seine Zunge nicht im Griff hat? Nun, seit seiner Schimpfkanonade nach seinem Tor zum 3:1 gegen Nordmazedonien wird in der realen wie virtuellen Welt heftig diskutiert. Zunächst einmal sei der 32-jährige Wiener in einem Punkt freigesprochen: Der Rassismus-Vorwurf wäre dann berechtigt, hätte er in irgendeiner Weise eine üble Aktion gegen den einzigen schwarzen Spieler auf dem Feld gesetzt - doch dieser Jenige war Kapitän der ÖFB-Auswahl und heißt bekanntlich David Alaba. Und ebendieser hat den vor sich hin brabbelden Mitspieler mit einem eher rüden, denn liebevollen Griff an die Pappalatur versucht, von seinem Ausbruch runterzubekommen.

Was auch immer Arnautovic von sich gegeben hat, rassistisch war das (zumindest bei ursprünglicher Auslegung des Begriffs) gewiss nicht. Zudem ist der Floridsdorfer in seinen gut 15 Profijahren in aller Herren Ländern, wo er Mit- und Gegenspieler aus aller Herren Länder hatte, nie entsprechend aufgefallen. (Ein angeblich getätigtes N-Wort 2009 in seiner Zeit bei Twente konnte nie verifiziert werden). Die dieser Tage schnell ausgepackte Rassismuskeule kann also wieder verschwinden.

Was aber sicher stimmt, ist, dass er seinem mazedonischen Gegenspieler Ezgjan Alioski - und wohl gab es da eine Vorgeschichte - allerlei derbe (und nicht druckreife) Unfreundlichkeiten ausrichtete. Warum Arnautovic nicht einfach jubelte, das Tor für sich sprechen und sich von seinen Mitspielern feiern ließ, weiß nur er selber. Schon beim 1:0-Sieg in der Qualifikation gegen Slowenien hatte er sich nach seiner Vorarbeit zum Goldtor nicht gefreut, sondern einen Gegenspieler beschimpft und seinen Schuh wutentbrannt zu Boden geworfen. So ist "er" halt.

Blöd wird die Sache allerdings dann, wenn daraus - 30 Jahre nach dem Balkan-Krieg - ein Nationalismuskonflikt gestrickt wird. Eine derbe Beleidigung samt der Okay-Geste, die neuerdings als rechtsextremer Code gilt, eines Spielers mit serbischem Hintergrund gegen einen Akteur eines Landes, das früher "Former Yugoslav Republic of Macedonia" hieß - schon ist die Empörung perfekt. Zumal der nordmazedonische Verband nun versucht, aus der Aufregung Kapital zu schlagen und in einem Brief an die Uefa forderte, ob des "nationalistischen Ausbruchs" die "härtestes Strafe" für den 32-Jährigen auszusprechen. Weshalb die Uefa am Dienstag einen Ermittler eingesetzt hat - ein Routinevorgang, der schlimmstenfalls in einer Geldstrafe enden dürfte (so war es jedenfalls beim klar politischen Schweizer/kosovarischen Adler-Jubel gegen die Serben bei der WM 2018). Das Ganze, obwohl sich Arnautovic schon mehrfach entschuldigt hat - und dies unmittelbar nach Spielende auch bei Alioski persönlich getan hatte. "Das war wirklich fair von ihm", sagte dieser dazu. Übrigens: Was Arnautovic wirklich zu ihm gesagt hat, ist diesem entgangen - die Fans waren einfach zu laut.

Und damit sollte man die Causa auch bewenden lassen: Niemand ist davor gefeit, Mitspieler bei erhöhtem Adrenalinpegel zu beleidigen oder zu provozieren (das soll sogar im Frauensport vorkommen), die Vorstellung, dass künftig Lippenleser zu Richtern werden oder zum Videobeweis der Audiobeweis hinzukommt, ist aber schlicht unerträglich.