Der Morgen danach kann angeblich manchmal ganz schön grausam sein. Und man will nicht wissen, wie Kylian Mbappe am Dienstag aufgewacht ist. Das, was nicht möglich schien, war am Abend davor in zweifacher Hinsicht wahr geworden: Frankreich, einer der ganz großen Titelfavoriten, scheiterte im EM-Achtelfinale an der kleinen Schweiz, Mbappe, ausgerechnet der Superstar im Tricolore-Dress, verpatzte den entscheidenden Elfmeter. Der Morgen danach, das twitterte zumindest ein anderer, ehemaliger Superstar des Fußballs, könne aber auch "der Beginn einer neuen Reise" sein. "Halte den Kopf hoch, Kylian", so Pele.

Vom Fallen, Aufstehen, wieder Fallen und in neue Höhen Steigen wurden schon viele Geschichten geschrieben im Sport - und sie sind mitunter diejenigen, die am meisten im Gedächtnis bleiben. Der Masters-Sieg von Tiger Woods 2019 in Augusta wäre wohl nicht halb so aufregend gewesen, hätte er davor nicht eine gefühlte Ewigkeit an Leidenszeit hinter sich, der zweite Weltmeistertitel von Niki Lauda 1977 wäre nicht als sein wichtigster in Erinnerung, wenn er nicht ein Jahr davor dem Flammeninferno am Nürburgring nur wie durch ein Wunder lebendig entkommen wäre. Und Hermann Maier ist ebenso durch mehrere Comebacks eine der prägendsten Figuren der österreichischen Sportgeschichte geworden.

Im Vergleich dazu nimmt sich das Leiden, das Mbappe gerade durchmacht, ohnehin noch bescheiden aus. Doch nicht nur der Morgen danach, auch der Fußball kann besonders grausam sein. Die französischen Medien gingen hart mit dem 22-Jährigen ins Gericht, auf den oftmals gar nicht so sozialen Netzwerken sind Hassbotschaften für Fußballer keine Seltenheit. Auch bei dieser EM gab es wegen vergebener Chancen bereits aktenkundige Drohungen und Beleidigungen gegen den Schweden Marcus Berg und den Spanier Alvaro Morata, bei denen teilweise auch die Polizei eingeschaltet wurde. Der Umfang der Hasskommentare sei schwer in den Griff zu bekommen, konstatierte der schwedische Verbandsfunktionär und Sicherheitschef Martin Fredman zum Fall Berg. "Es gibt so viel da draußen."

Wie schnell sich das allerdings ändern kann, erlebten nicht nur die Schweden, die mit einer spielerisch nicht brillanten, aber mannschaftlich starken Leistung als Gruppensieger ins Achtelfinale eingezogen sind, es wird auch an den Beispielen Moratas und eines zweiten Spaniers, der am Montagabend im Blickpunkt stand, deutlich. Ersterer stellte die Weichen mit seinem Tor zum 4:3 in der 100. Minute gegen Kroatien wieder auf Sieg (der letztlich nach einem verrückten Match 5:3 ausfiel und die Spanier nach einer eher mittelguten Vorrunde wieder von mehr träumen lässt), zweiterer heißt Unai Simon, ist Goalie und verschuldete mit einem Slapstick-Eigentor den 0:1-Rückstand. Von Teamchef Luis Enrique gab es dennoch Lob für den 24-Jährigen. "Er ist ein Vorbild für alle jungen Spieler, die Profi werden wollen. Die Botschaft ist: Mach dir keine Sorgen wegen deiner Fehler. Konzentriere dich auf dein Ziel." Die Botschaft sollte auch Mbappe bedenken - wenn auch noch nicht am Morgen danach.