Es mögen zwar ganz besondere und ganz andere Sommerspiele sein als alle bisherigen in der jüngeren Sportneuzeit - die Parameter zum Erfolg scheinen aber völlig unverändert von Pandemie, Corona-Restriktionen und Zuschauerbann zu sein. So geht es zwar im olympischen Dorf, wo die Athleten aus aller Welt normalerweise Freundschaften schließen und nach vollbrachter Arbeit fröhliche Partys feiern, diesmal (zumindest offiziell) ganz anders zu (die obligatorischen Kondome werden erst bei der Abreise verteilt), was es den einzelnen Nationen insgesamt auch wesentlich schwerer macht, eine Art Mannschaftsgeist zu entwickeln. Dennoch ist dieser alles andere als ausgeschaltet. Es mag zwar jeder für sich und seinen Sport antreten - Medaillen werden aber immer noch für sein Land erobert. Und das kann dann alle anderen beflügeln und stärken - aber auch lähmen und behindern, so sich der Erfolg für ein Team nicht und nicht einstellen will. Aus österreichischer Sicht paradigmatisch in dieser Hinsicht waren die Winterspiele 2010 in Vancouver, als das ein Jahrzehnt lang dominante Herren-Alpin-Team eine Vorstellung aus Pleiten, Blech und Pannen hinlegte und Olympia ohne eine einzige Medaille verlassen musste - so wie zwei Jahre später im Sommer die gesamte ÖOC-Equipe in London.

Und es ist immer das gleiche Schema: Stellt sich der Edelmetallerfolg nicht relativ rasch ein, machen Medien (und wohl auch Betreuer) nur noch mehr Druck, der den Athleten aber alles andere als zuträglich ist - im Endeffekt wird eine ganze Delegation in eine Negativspirale getrieben, bis am Schluss nur noch der eine Wettkampf und die eine Chance vorhanden sind. Die dann nicht mehr mit der nötigen Freiheit im Kopf ergriffen werden kann.

Wie es genau umgekehrt läuft, wenn’s eben läuft, exerziert gerade die aktuelle rot-weiß-rote Olympia-Mannschaft vor. Nach der sensationellen Husarenfahrt von Anna Kiesenhofer zu Gold am zweiten Tokio-Tag waren die Spiele aus österreichischer Sicht de facto schon gelaufen - alle weiteren Erfolge nur noch reine Zugabe. Eine Zugabe, die in jedem Sportler-Kopf seither präsent ist und dann auch das notwendige Risiko nehmen lässt, das es auf diesem hohen Wettkampf-Niveau für den Stockerlplatz braucht. Die Judo-Medaillen durch Shamil Borchashvili (Bronze) und Michaela Polleres (Silber) wurden genau mit dieser Mischung aus befreitem Angriffsgeist und nötigem Selbstvertrauen geholt. Und auch Magdalena Lobnig wusste vor ihrer Ruder-Bronzenen ganz genau, dass in der Entscheidung nicht das Mehr an Kraft oder Kondition entscheidet, sondern die Psyche: "Ich habe mir gedacht, das ist im Endeffekt nur ein Kopfrennen, wer da vorne ist."

Nicht recht viel anders lief es im Februar für Österreich bei der Alpin-WM in Cortina, als das Herren-Team gleich mit drei Goldenen loslegte und dann auch noch die Damen zum Erfolg mitriss - das Stangen- als reines Kopfrennen. Und dass der Fußball-Europameister heuer Italien hieß, war angesichts des übergroßen Teamgeistes in der Squadra letztlicht keine Überraschung.

So gesehen darf der rot-weiß-rote Sportfan in der zweiten Tokio-Woche noch auf die eine oder andere Zugabe hoffen - denn die äußeren und inneren Umstände im ÖOC-Team sind gerade goldig.