Die Stimme der Vernunft ist leise.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Vernunft gestikuliert nicht. Vernunft beleidigt nicht. Vernunft hört selbst dem Unvernünftigen zu. Weder schreit Vernunft ihr Gegenüber nieder, noch macht sie es klein. Vernunft versucht, mit Argumenten überzeugen, nicht mit Lautstärke.

Lautstärke kann freilich zu verzerrten Eindrücken führen. Zum Beispiel lassen die Wortmeldungen in den Sozialen Medien und vielfach auch die Leserkommentare in Zeitschriften und Zeitungen und deren Online-Plattformen vermuten, die Gegner der Corona-Impfung wären in der Mehrheit.

Glücklicherweise sind sie das nicht. Sie schreien nur lauter.

Die Journalistin Solmaz Khorsand hat in ihrem vorzüglichen Buch "Pathos" dieses verbale Gestikulieren und Lärmen beschrieben. Mit dem Schreien will die Minderheit ihre Schwäche gegenüber der Mehrheit kompensieren.

Je lauter also eine Person oder eine Personengruppe vor den Corona-Impfungen warnt, je greller sie von Verschwörungen und medizinischen Experimenten an der Weltbevölkerung tönt und mit objektiv gesehen unhaltbaren Behauptungen agiert, desto sicherer kann man davon ausgehen, dass ihr jegliche wissenschaftlich fundierte Basis fehlt.

Wer in Bezug auf die Impfungen skeptisch ist, wägt die Argumente ab. Das Zeichen des wahren Skeptikers ist freilich, dass er tatsächlich abwägt und sich entscheidet, ohne dass die Lautstärke dabei eine Rolle spielt.

Denn auch die vernünftige Entscheidung ist leise.