Anna Netrebko hat sich von sich aus zurückgezogen, um nicht die gefeuertste Diva aller Zeiten zu werden. Valery Gergiev wurde von sämtlichen Dirigierverpflichtungen außerhalb Russlands entbunden.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Und die Welt dreht sich dennoch weiter. Es finden Konzerte statt und Opernaufführungen statt. Der Vorhang hebt sich sogar an den Abenden, die als Gergiev- und Netrebko-Festspiele geplant waren.

Und das ist immerhin auch eine Lehre.

Für diese Lehre spielt es keine Rolle, ob und inwiefern der Westen im Recht ist, Künstlern eine kompatible politische Einstellung abzuverlangen. Die Lehre aus diesen Fällen nämlich lautet so: Die scheinbar unausfüllbaren Lücken werden zu Toren, durch die andere ins Rampenlicht treten können, an der Mailänder Scala etwa der Dirigent Timur Zangiev. Die Liceu Oper Barcelona und das Festspielhaus Baden Baden werden wohl demnächst bekanntgeben, wen sie statt Anna Netrebko dem Publikum vorstellen.

Wenn aber im heutigen Klassikzirkus ein Gergiev und sogar eine Netrebko ersetzbar sind, dann trifft das ausnahmslos auf alle Interpreten zu. Das bedeutet, dass der von Schallplattenfirmen und den ihnen nachhechelnden Live-Veranstaltern inszenierte Interpretenrummel ein Luftballon mit Potenzial zum Platzen ist. Übrig für die Musikgeschichte bleiben nur die schöpferischen Künstler, also die Komponisten. Was das aus dem Lot geratene Koordinatensystem musikalischer Bedeutung wiederherstellt.