Vielleicht fällt dieser Kommentar in die Kategorie "Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem". Doch es lässt sich nicht oft genug vor einer Russophobie warnen, die auch in der Klassik-Welt monströse Ausmaße entwickeln könnte. Längst geht es nicht mehr nur um die heikle Frage, ob Anna Netrebko und Valery Gergiev ihr moralisches Bleiberecht auf den Bühnen des Westens verwirkt haben. Die Debatte greift auf Personen wie Teodor Currentzis über, Künstler, die bisher nicht als Wladimir-Putin-Vasallen auffielen, aber in Russland über zwei, drei Bindeglieder (Oligarchen, Banken) an den Präsidenten gekoppelt waren. Auch sie werden nun zum Offenbarungseid gedrängt, sollen sich zwischen Ost und West entscheiden. Da wäre mehr Augenmaß wünschenswert. Es ist ein Unterschied, ob jemand ein paar Klinken poliert (wo glücken Karrieren anders?) oder ob er einen offenen Brief für die Annexion der Krim unterschreibt - wie das Valery Gergiev tat.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Überhaupt ist der Umgang mit diesem Maestro kein Ruhmesblatt für den Westen, sondern zeugt von Heuchelei. Das soll keine Kritik an Gergievs Verbannung von internationalen Bühnen sein: Es geht nicht an, dass ein Putin-Unterstützer weiter die Münchner Philharmoniker leitet, auch nicht, dass er in anderen westlichen Ländern eine Zentralfigur der stark subventionierten Kunstmusik bleibt. Doch wie eisern Gergiev zu Putin hält, ist nicht erst seit gestern bekannt. Sondern seit 2014, als der Dirigent den offenen Brief unterschrieb - ein Jahr, bevor ihn München als neuen Chefdirigenten empfing.