In einem Film wäre es eine Szene mit Gänsehaut-Potenzial. Im russischen Fernsehen ist sie Montag ganz real passiert. Während vorne eine Sprecherin ganz Kreml-konform die "Nachrichten" verlas, sprang im Hintergrund eine Kollegin ins Bild mit einem Schild, auf dem "Stop War! Glaubt der Propaganda nicht! Hier werdet Ihr belogen!" stand. In einem Land, in dem mittlerweile Anti-Kriegs-Demonstranten wegen eines leeren Schildes verhaftet werden, kann man sich vorstellen, mit welchen Konsequenzen diese Frau rechnen muss.

Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine ist auch für Medien und Journalisten eine gewaltige Herausforderung. Nicht jeder hat ein so persönliches Interesse an einem Ende des Konflikts wie die TV-Mitarbeiterin, die eine russische Mutter und einen ukrainischen Vater hat. Freilich ist zu hoffen, dass diese Aktion sicher schon einmal viele Menschen, die sich vom "Spezial-Operation"-Gesäusel ruhigstellen lassen, erreicht hat. Doch das Gesetz, das es unter anderem verbietet, den Krieg als Krieg zu bezeichnen, setzt auch Korrespondenten aus anderen Ländern auf einen schmalen Grat. Der ORF behilft sich mit Arbeitsteilung: Die Redaktion in Wien übernimmt die Berichte über die militärische Entwicklung, das Büro in Russland berichtet nur noch über die Situation vor Ort. Für die Sicherheit der Journalisten ist das notwendig. Dass es solcher "Tricks" bedarf, um eine so massive Beschneidung der Redefreiheit im Jahr 2022 auszuhebeln zu versuchen, macht einfach machtlos wütend.