Von einigen Slawisten wird derzeit an die Medien der Wunsch herangetragen, die Journalisten mögen die Ortsnamen der Ukraine nach der ukrainischen und nicht nach der russischen Transliteration schreiben. Der im Deutschen gebräuchliche Ortsname Kiew, basierend auf russisch Kijew, solle durch ukrainisch Kyjiw ersetzt werden, aus Odessa und Charkow würden Odesa und Charkiw werden. Wird diese Forderung mit Slogans wie "Sprache ist eine mächtige Waffe" kombiniert, wie zuletzt in einem Interview in diesem Blatt, stehen mir die ohnedies recht schütteren Haare zu Berge: Den Machthabern in Moskau wird es ziemlich egal sein, wie in den deutschsprachigen Medien jene Orte firmieren, in denen Wohnhäuser bombardiert und Zivilisten erschossen werden.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Wobei mir klar ist, dass Länder- und Ortsnamen nicht in Stein gemeißelt sind. Karl-Marx-Stadt kehrte zu seinem alten Namen Chemnitz zurück, Leningrad zu Sankt Petersburg. Ceylon wurde zu Sri Lanka, Burma zu Myanmar und Obervolta zu Burkina Faso. In diesen Fällen haben sich Länder einen neuen Namen gegeben, um sich von ihrer Kolonialgeschichte abzukoppeln.

Ein anderer Fall sind die sogenannten Exonyme - Bezeichnungen, die außerhalb des Ursprungslandes Geltung haben, aus Gründen einer leichteren Aussprache oder Merkfähigkeit. Dazu gehört im Deutschen Warschau statt Warszawa, Prag statt Praha, genauso Venedig statt Venezia, Mailand statt Milano. Auch der gut eingeführte Name Kiew kann als Exonym gelten. In seltenen Fällen existieren eigenständige deutsche Namen auf historischer Basis: Lemberg jetzt Lwiw war am östlichen Rand der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gelegen. Aber bei den meisten der ukrainischen Ortsnamen geht es um kleine Veränderungen in der Schreibung und in der Aussprache; das Russische gilt in der Ukraine als eine Art Kolonialsprache, per Gesetz wurden vor einiger Zeit drei Prozent der Ortsnamen geändert.

Dass die Medien des deutschen Sprachraums mit einem Mal alle Ortsnamen auf Ukrainisch umstellen, ist nach meinem Dafürhalten nicht realistisch. Unter den deutschsprachigen Nachrichtenagenturen wurde zwar ein Denkprozess eingeleitet, eine generelle Umstellung ist in naher Zukunft aber nicht zu erwarten. Die Konsumenten müssten wohl nach und nach an die neuen Schriftbilder gewöhnt werden, indem etwa nach der Ortsbezeichnung Kiew in Klammer Kyjiw gesetzt wird. Änderungen eines gut eingeführten Schriftbildes führen allerdings zu beträchtlichen Irritationen, man denke an die etymologisch motivierte Mutation der Gemse zur Gämse im Zuge der Rechtschreibreform.

Außerdem sollte die Schreibung ja mit der ukrainischen Lautform korrespondieren. Aber wer kann Kyjiw so aussprechen, wie es sein soll? Kijiu wäre richtig, erstbetont! Wenn das ein Rundfunkjournalist hinkriegt, wüssten die Hörer nicht, welche Stadt gemeint ist. Nicht zuletzt müsste sogar der Ländername anders geschrieben und ausgesprochen werden, nicht Ukráine, sondern Ukrajína.

Dass die Wissenschaft eine Forderung erhebt, ist ihr gutes Recht. Eine Umsetzung von heute auf morgen wird es wohl nicht geben.