"Erstmals hat eine Inderin den International Booker Prize für übersetzte Fiktion gewonnen."

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

So beginnt eine Meldung, die von mehreren Medien veröffentlicht wurde.

Irgendetwas daran auszusetzen?

Es ist eine Frage des Geschmacks.

Was ist das Besondere an diesem Booker Prize? Dass ihn eine Frau gewonnen hat? Das kann es nicht sein. Seit 2010 sind unter den Ausgezeichneten fünf Autorinnen. Es ist also das andere Faktum: Dieser Preis geht an Geetanjali Shree, eine Frau mit dunkler Hautfarbe. (Ganz die erste ist sie nicht: Die Inderin Arundhati Roy erhielt ebenfalls den Booker Prize, allerdings für Literatur in englischer Originalsprache.)

Weder am Namen der Autorin noch am Buchtitel ist die Meldung aufgehängt.

Genau das aber ist nun das ungeheuer Nervige an den derzeitigen Diskussionen um Diversität in der Kultur: Es scheint, dass Ethnie und Hautfarbe für die Erregung von Aufmerksamkeit mehr zählen als die Qualität der jeweiligen kulturellen Leistung. Mit denselben Augen, mit denen man in früheren Jahrhunderten N* beglotzt hat, die etwas Außerordentliches machten, schaut man jetzt auf Schwarze, die einen famosen Roman schreiben, als hätte man noch immer nicht begriffen, dass Indien, Afrika, das schwarze Australien und so weiter längst ziemlich gute Autorinnen und Autoren hervorgebracht hat. Tatsächlich ist das fassungslose Staunen erst wieder am Platz, wenn Ixtla Ixtl den Literaturnobelpreis bekommt, und zwar als erste Marsianerin.