An der Documenta in Kassel erhitzen sich die Gemüter: Eine Arbeit des Künstlerkollektivs Taring Padi ist antisemitisch genug, dass diese, nach langer Diskussion, nicht nur verhüllt, sondern endlich auch ganz abgebaut wurde. Wäre das Werk in Sack ohne Asche, quasi als Märtyrer, stehen geblieben, hätte es für weitere Diskussionen gesorgt, und Diskussionen darf es in Sachen Antisemitismus nicht geben.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Also sind alle antisemitischen Kunstwerke von vorne herein zu ächten? Richard Wagners "Ring des Nibelungen" mit seinen Juden-Karikaturen wird indessen weltweit aufgeführt, und dass Gangsta-Rapper provokationshalber mit Antisemitismus spielen, gehört mittlerweile zum absichtlich schlechten Ton.

Doch nicht alle Kunst ist gleichwertig. Shakespeares "Kaufmann von Venedig" steht höher als Rainer Werner Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod". Céline ist ein größerer Autor als Hanns Heinz Ewers. Soll Taring Padi dürfen, was Wagner darf?

Man muss also doch diskutieren - nur nicht über den Antisemitismus selbst. Vielleicht aber, wo die Grenzenlosigkeit der Kunst an ihre Grenzen stößt. Wäre es legitim, nicht von der Kunst auf ihre Freiheiten zu schließen, sondern auf den Umgang mit den Freiheiten auf die Kunst? - Der deutsche Schriftsteller Hanns Henny Jahnn etwa sprach jeder menschenverachtenden Kunst ab, Kunst zu sein. Ein edler Ansatz. Nur: Wie menschenverachtend ist Wagners "Ring"? Oder Shakespeares "Kaufmann". . . ?