Ich bin so alt, dass ich - als Journalist - einst Bill Gates getroffen habe, Apple-Urgestein Steve Wozniak (leider aber nicht Steve Jobs) und sogar, wenige Jahre vor seinem Tod, Konrad Zuse, den deutschen Erfinder des Computers. Aber den nachhaltigsten Eindruck hinterließ mir damals, in den wilden 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, ein bulliger Kerl namens Jack Tramiel.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Geboren als Jacek Trzmiel in Polen, überlebte er den Holocaust, emigrierte nach dem Krieg in die USA und landet im Business mit Schreib- und Büromaschinen und später Taschenrechnern. Der Markenname: Commodore. Tramiel wird unter diesem Label zum frühen Spiele- und Homecomputer-Pionier. Seine Konkurrenten: Apple, IBM, Texas Instruments und andere, die er vor allem durch seine Niedrigpreispolitik (Leitspruch: "Business is war!") in die Zange nimmt. Wer hat damals nicht den berühmten C-64 besessen? Das Gerät in Form einer beigen Brotdose verkaufte über dreißig Millionen Stück, das reicht bis heute fürs Guinness Buch der Rekorde.

Interviewen durfte ich Tramiel aber in seiner letzten Rolle: als Investor, Chef und Stratege bei Atari. Auch diese Firma war keine unbekannte Marktgröße - 1972 von Nolan Bushnell und Ted Dabney gegründet, handelt es sich bei Atari um den Pionier in Sachen Videospiele und Spielhallenautomaten. Und, ja, ich bin so alt, dass ich zum Beispiel "Pong" geliebt habe, das erste elektronische Tischtennis-Game. Der gewölbte Schwarz-Weiß-Röhrenbildschirm lag bei frühen Varianten noch unter einer horizontalen Glasplatte, das Gerät passte eher in Gaststätten-Hinterzimmer als ins traute Heim, das Spielvergnügen war aus heutiger Sicht von brutaler Simplizität: Man fuhr mit pixeligen Schlägern auf dem Monitor auf und ab, um das Out eines punktförmigen Balles zu verhindern. Nach einer ersten Hochblüte ging es für Atari wieder bergab (wiewohl legendäre Spiele wie "PacMan" oder "Space Invaders" folgten), bis Tramiel in Erscheinung trat und - to make a long story short - Mitte der 80er Jahre innert Monaten der 520ST Homecomputer entwickelt und auf den Markt geworfen wurde.

Ich bin so alt, dass ich jetzt tatsächlich sentimental werde. Denn die noch etwas kräftigere Version dieses Geräts, der Atari 1040ST, war mein erster ernst zu nehmender Computer. Er hatte, damals sensationell, ein Megabyte (!) Hauptspeicher. Und eine grafische Benutzeroberfläche, die der eines Apple Mac kaum nachstand und ihn augenblicklich von der C-64-Liga absetzte. Besonders bei Musikern war der Atari beliebt, weil er auch eine MIDI-Schnittstelle bot. Die Post-Punk-Revolution der elektronischen Musik im Kinderzimmer startete exakt hier.

Jack Tramiel drückte auch bei Atari knallhart den Preis. Apple rangierte in unerreichbaren Sphären. Und ein IBM oder DOS-Klon waren einfach uncool. Als probate Alternative galt lange der vormalige Tramiel-Arbeitgeber Commodore, der den "Amiga" an den Start brachte, aber die Würfel waren gefallen. Zumindest in meiner Vita. Ich bin so alt, dass all diese großen Namen heute nur noch ein Schattendasein führen. Oder gar nicht mehr richtig existieren. Atari, lese ich in nostalgischen Reminiszenzen, feiert dieser Tage ein halbes Jahrhundert der Existenz. Erstaunlich: In meinem Gedächtnisspeicher bleibt das alles ewig jung.