Im Lichte des Falls Gergiev kann man dem Wiener Klassikpublikum einen gewissen Gleichmut attestieren. Jahrzehntelang hat es sich bei dem Russen mit dem kleinen Taktstock und den klobigen Lautstärken augenscheinlich gut unterhalten. Ob mit den Wiener, den Münchner Philharmonikern oder dem Mariinski Orchester: Am Ende setzt es immer pauschalen Beifall.

Im März ist Valery Gergiev nun nach Russland verjagt worden; sein Chefposten in München ist vakant, jedwedes Gastspiel in Wien abgesagt. Vier Monate hier also schon kein Gergiev. Aber hat sich irgendwer über diesen (vermutlich noch lange anhaltenden) Mangelzustand beschwert, hat jemand eine Kampagne angezettelt? Nein.

Das liegt an mehreren Ursachen, auch am Status von Gergiev in Wien: Er war hier respektiert, aber nicht umschwärmt. Ein Grund ist aber wohl auch, dass das Wiener Klassikpublikum bis heute ein sehr altmodisches Kundenverhalten an den Tag legt. Es kauft sich entweder eine Karte für ein Konzert - oder nicht. Es kommt aber eher nicht auf die Idee, das Marktangebot direkt zu beeinflussen. Im digitalen Zeitalter wäre das möglich, in der Popkultur ist es sogar zur gelebten Realität geworden. Das mächtigste Einflussmittel für den Endverbraucher ist dabei bekanntlich der Shitstorm: Vor allem, wenn er mit dem Pathos der moralischen Entrüstung durchs Netz fegt, knicken Stars und Konzerne ein.

Eine solche Aktion - für oder gegen wen auch immer - würde hiesigen Bildungsbürgern aber nicht ähnlich sehen. Schon deshalb nicht, weil sie kein Faible für hypermoralische Empörungsschübe besitzen, wie sie in den sozialen Netzwerken üblich geworden sind - und den Tugendkatalog der politischen Korrektheit nicht zum Maß aller Dinge erheben. Wer in Wien ins Orchesterkonzert geht, will fähige Musiker sehen. Welche politischen Ideale, sexuellen Normen diese Künstler vertreten, ist sekundär.

Zugegeben, dies alles sind Behauptungen; es liegen keine belastbaren Daten zum Mindset der Wiener Klassikfans vor. Deren Umgang mit dem Ukraine-Krieg legt aber die Richtigkeit dieser Vermutungen nah. Fanden denn seit Kriegsbeginn veritable Proteste gegen Auftritte russischer Musiker in Wien statt? Keineswegs. Nicht einmal, als der derzeit polarisierendste Dirigent in diesem Konflikt - Teodor Currentzis - im Konzerthaus gastierte.

Das soll nicht heißen, Staatsoperndirektor Bogdan Roščić hätte recht mit seiner Äußerung, dass der Umgang mit russischen Künstlern ein "unglaubliches Bubble-Thema" sei. Es wird schon viel darüber diskutiert. Aber kurioserweise nicht in der Kulturszene, sondern in politischen Online-Plattformen.

Menschenjagd im Namen
des Humanismus

Und diese Debatte hat natürlich Sinn und Berechtigung. Die Frage ist schon legitim, ob ein Mensch wie Valery Gergiev, der dem Kriegsherrn Putin stets treu die Stange gehalten hat, derzeit auf Europas staatlich subventionierten Bühnen stehen sollte oder (besser!) nicht.

Nur werden diese Debatten oft mit einer niederträchtigen Gehässigkeit geführt. Die Heftigkeit, mit der die Salzburger Festspiele für ihr Festhalten an Currentzis gescholten werden, wirkt dabei wie die Kompensation einer Kollektivscham: Das Festival muss offenbar als Prügelknabe für jene Unbekümmertheit herhalten, die noch bis heuer Europas Umgang mit Russland auszeichnete. Noch hässlicher ist allerdings der Aktionismus, mit dem gewisse Aufwiegler (darunter auch Journalisten) derzeit im Namen des Humanismus zur Menschenjagd auf präsumtive Putin-Sympathisanten aufrufen und damit offenbar ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt haben.

Ehrlich: Um wie viel sympathischer ist da ein Klassikfan, der einfach nur gute Musik hören will.