Ein stattliches Sammelsurium an Grablichtern steht an einer Ecke der Josefstädterstraße in Wien, gegenüber eines bekannten Kaffeehauses. Auch Blumen sind abgelegt und ein Foto mit einer schwarzen Binde. Hier trauert ein Grätzel um eine Institution. Die Lichter und Blumen füllen eine Leerstelle, die eine Frau namens Anna hinterlassen hat.

Tag für Tag, bei Sonne, bei Schnee ist Anna an dieser Ecke des 8. Bezirks gestanden und hat die Straßenzeitung "Augustin" verkauft. Von ihren charakteristischen nach unten gebogenen Mundwinkeln durfte man sich nicht abschrecken lassen, denn wenn man mit ihr ins Gespräch kam, wanderten die ganz schnell in die andere Richtung. Und in den Augen blitzte nicht selten der Schalk auf. Anna war nicht, wie man es bei "Augustin"-Verkäufern vermutet, obdachlos. Das war sie zwar einmal, aber sie hatte eine kleine Wohnung, freilich nicht in der teuren Josefstadt. Sie kam regelmäßig zur Schreibwerkstatt des "Augustin" und las auch gerne selbst, aber "nichts Romantisches, weil ich bin Realistin".

In Momenten wie diesen sieht man sehr deutlich den gesellschaftlichen Wert eines Mediums wie des "Augustin" - der viel mehr als nur eine Zeitung ist. Durch ihn lernten viele Josefstädter eine Frau kennen und schätzen, die sie sonst nie getroffen hätten. "Augustin"-Verkäufer können solche Epizentren des Grätzel-Soziallebens sein. Das ist unschätzbar in einer Gesellschaft, die immer häufiger lieber ins Smartphone starrt, als das Gegenüber einmal anzulächeln.