Nein, der Ball war nicht im Out. Und damit war auch das Tor, das den Japanern im Spiel gegen Spanien am Donnerstag den Weg ins Achtelfinale ebnete, regulär. Und dennoch meint man, seinen Augen nicht zu trauen. So klar out, wie dies die in den sozialen Medien verbreiteten Bilder und Videos suggerieren, kann kaum ein Fußball sein. Das meinen zumindest nicht wenige User auf Twitter. Ihre Posts zeugen von großen Zweifeln, an der eigenen Sehkraft genauso wie an der Zurechnungsfähigkeit der VAR-Leute. "Der ist doch aus", schrieb einer erbost. Und ein anderer protestierte: "Bist du blind? Der Ball ist komplett über der Linie."

Zugegeben, auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig, ist auf den Nahaufnahmen der Ball hinter der Toroutlinie zu verorten und der Rasen zwischen Kugel und Kalkstreifen grüner als grün. Allerdings ist das, und darauf versuchten und versuchen einige ihre Twitterfreunde hinzuweisen, eine Frage der Perspektive. Es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel aus man die Szene betrachtet. Während die Fotos, die am Boden aufgenommen wurden, den Ball im Aus zeigen, erwecken die Bilder der Torlinientechnik einen anderen Eindruck. Es handelt sich dabei um Aufnahmen, welche den Eintritt des Balls in den Outbereich aus der
Perspektive der Torlinienkamera zeigen. Und hier ragt tatsächlich noch ein, wenn auch zugegeben nur sehr kleiner Teil des Leders über die Toroutlinie. Das genügt und deckt sich mit den Regeln der Fifa, die besagen, dass der Fußball "im ganzen Umfang" über der Linie sein muss, um als Out betrachtet zu werden. Im Tennis, Handball und Golf ist es nicht viel anders.

Dass es hier um Millimeter ging, die unter anderem den Ausschlag dafür gaben, dass Deutschland bei dieser WM ausgeschieden ist, tut nichts zur Sache - oder doch? Eines ist immerhin nicht von der Hand zu weisen: Unter analogen Bedingungen, also ohne VAR, hätte jeder Schiedsrichter diesen Ball Out gepfiffen und das Tor der Japaner aberkannt. Schließlich schien sich auch Referee Victor Gomes sicher zu sein - und wurde vom Video-Assistenten belehrt. Gerecht ist das, im Vergleich zu anderen Weltmeisterschaften, natürlich nicht. Aber was ist schon gerecht? Sehnt sich wirklich noch jemand nach den Zeiten, als eine "Hand Gottes" oder ein "Wembley-Tor" über Sein oder Nicht-Sein bei einem Großturnier entschieden?

Eine Millimeter-Entscheidung ist nicht angenehm, aber sie ist transparent - und jeder kann sich dank Aufzeichnungen selbst ein Bild machen (wenn auch nicht vielleicht unbedingt in sozialen Medien). Wenn man schon eine Kritik an diesem System üben möchte, so diese, dass diese Transparenz nicht unmittelbar, sondern oft erst sehr spät und selbst hier nicht für jeden gleich nachvollziehbar hergestellt wird. Dies wurde auch im genannten Fall im Spiel zwischen Japan und Spanien bemerkbar, als selbst erfahrene Kommentatoren noch eine Weile rätselten, warum der Treffer trotz vermeintlichen Torouts anerkannt wurde. Denn einen Fehler sollte man gerade bei heiklen VAR-Entscheidungen nicht machen: das Urteil ohne Erklärung verkünden. Dies führt nicht nur zur Überhitzung der sozialen Medien, sondern schadet möglicherweise dem Fußball. Es soll schon Fans geben, die hier die große Verschwörung wittern.