Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht erst zu sorgen, heißt es. Und doch tut die deutsche Fußballszene genau das. Nicht nur, dass das neuerliche vorzeitige Ausscheiden von einer Großveranstaltung - nach dem Gruppen-Aus 2018 sowie der Achtelfinalniederlage bei der EM 2021 - schon schlimm genug für die deutsche Fußballseele war, hat man nun den Selbstzerstörungsmechanismus nicht nur angeworfen, man zelebriert ihn auch noch vor den Augen einer erstaunten Öffentlichkeit. Unmittelbar vor einer für Mittwoch anberaumten Krisensitzung hat Oliver Bierhoff nun sein Ende als DFB-Direktor bekanntgegeben. Einige seiner Entscheidungen hätten sich als nicht die richtigen erwiesen, erklärte Bierhoff.

WZ Tamara Arthofer - © WZ

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Damit ist er zwar einer (wahrscheinlichen) Ablöse durch andere zuvorgekommen, einer wohldurchdachten Analyse allerdings auch. Und er hat offenbar auch Bundestrainer Hansi Flick mit seinem Schritt überrascht, der sich daraufhin veranlasst sah, selbst die Zukunftsfrage zu stellen. "Meinem Trainerteam und mir fällt im Moment die Vorstellung schwer, wie die durch Olivers Ausscheiden entstehende Lücke fachlich und menschlich geschlossen werden kann", erklärte der 57-Jährige in einem sehr persönlich verfassten Statement auf der DFB-Homepage. "Für mich persönlich war Oliver innerhalb des Teams mein erster Ansprechpartner und Freund. Wir hatten als gemeinsames Ziel das Projekt EM 2024 in Deutschland." Die Zusammenarbeit sei immer von "Loyalität, Teamgeist, Vertrauen und Zuverlässigkeit geprägt" gewesen. "Zusammenhalt war die DNA unseres Teams."

Doch es war, wie sich nun herausstellt, ein bröseliger Kitt. Und es wird für die Deutschen schwierig sein, bis zur EM 2024 im eigenen Land einen neuen anzurühren, zu viel scheint in den vergangenen Jahren verloren gegangen zu sein. Und damit ist nicht einmal das sportliche Abschneiden alleine gemeint. Denn obschon die Ansprüche höher sind, sein müssen, war die WM keine absolute Blamage. Ein Ausrutscher gegen Japan sollte nicht, kann aber passieren, ein Remis gegen Spanien ist nicht das Schlimmste; und zum Abschluss gab es immerhin einen wenn auch durch wenige Millimeter im Parallelspiel letztlich bedeutungslosen Pflichtsieg gegen Costa Rica. Ein Grund, alles hinzuschmeißen, ist das nicht. Dass dies dennoch passiert, dass gestandene Nationalspieler davon sprechen, "in ein Loch zu fallen", dass etliche Größen von einst Tabula rasa fordern, dass ein 18 Jahre im Amt befindlicher Manager noch vor der entscheidenden Sitzung aufhört und der Bundestrainer, der aufgrund der Kürze seiner Amtszeit selbst bei den größten Kritikern mehr oder minder außer obligo ist, seinen Frust per Aussendung kundtut, ist vielmehr ein Zeichen, dass hinter der schönen DFB-Fassade der Ball schon lange nicht mehr rund rennt. Zwei Jahre vor der Heim-EM ist das ein verheerendes Signal. Und das sollte den Verantwortlichen mehr zu denken geben als ein (knappes) Ausscheiden in einer WM-Vorrunde.