WZ Christian Mayr - © Wiener Zeitung

WZ  Christian Mayr

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Strohballen, die wie bei einem Spaghetti-Western durch ein verwaistes Fandorf wabern; gähnende Leere auf den Zuschauerrängen wie zu schlimmsten Pandemie-Zeiten; dazu strengste Regeln wie etwa ein allgemeines Bierverbot; kurzum, eine Fußball-Atmosphäre so kühl wie die Wüste in Katar heiß. So oder so ähnlich stellte man sich als Europäer im Vorfeld die Wüsten-Winter-Weltmeisterschaft in Katar vor. Denn wer bitteschön, ist so blöd, als aufrechter Fan in dieses totalitär-islamische Regime zu fliegen, um diesem korrupten Turnier beizuwohnen? Diese Frage stellten sich nicht wenige Beobachter.

Nun denn, die Antwort lautet: viele. Sehr viele sogar. Jedenfalls mehr, als sich der Mitteleuropäer hätte vorstellen können. Und doch weniger - und zwar viel weniger - als von den Veranstaltern prognostiziert. Denn laut einem der Nachrichtenagentur "Reuters" vorliegenden Bericht der WM-Organisation wurden in den ersten zwei Wochen des Turniers rund 765.000 internationale Gäste begrüßt. Die Prognose lag aber ursprünglich bei 1,2 Millionen, die das Emirat für das gesamte WM-Turnier angepeilt hatte.

Dass aber zu den restlichen acht Partien noch die fehlende halbe Million Besucher anreist, können selbst Märchenerzähler aus 1001 Nacht nicht weismachen. Und schon gar nicht die Fifa.

Die Zahlen lassen sich also so oder so interpretieren. Augenscheinlich ist - und das kommt wenig überraschend -, dass die großen Fanströme aus Europa schlicht ausgeblieben sind. Dass Engländer, Deutsche, Niederländer oder Franzosen die weite und kostspielige Anreise zu einer WM, die halt ganz anders als die bisherigen abläuft, gemieden haben, ist evident. Bei den drei Erstgenannten (die Grande Nation als Katar-Verbündete ausgenommen) kamen natürlich auch die ganzen Menschenrechtsdebatten und Korruptionsvorwürfe mit ins Spiel; zuzüglich gab es bei den Klubfans eine massive und gut orchestrierte Ablehnung der gesamten Winter-WM, da ja der Meisterschaftsbetrieb eingestellt und damit der wöchentliche Fixpunkt für die Fan-Basis eliminiert wurde. "Scheiß-WM", skandierten etwa hierzulande die Rapid-Fans, die aber auch 2008 schon ähnliche Banner aufgehängt haben, als das Heimturnier anstand ("Scheiß-EM"). All diese Zuschauer, die sich bald wie selbstverständlich um Karten für München, Dortmund und Berlin bei der EM 2024 bemühen werden, fehlen somit am Persischen Golf.

Stattdessen prägten die Stimmung in den Stadien bisher zum einen die Araberteams, die sich gegenseitig angefeuert haben und auch ganz automatisch von den Einheimischen unterstützt wurden (selbst wenn Marokko mehr als 5.000 Kilometer entfernt liegt), und zum anderen Argentinien. Wobei da vielleicht auch der Messi-Sympathie-Faktor zum Tragen kommt.

Viel kritisiert wurde freilich, dass insbesondere die Katarer, gut erkennbar in ihren weißen Thawbs (sag niemals scherzhaft "Bademantel"!), gegen Matchende die Ränge schon verließen. Dies sei "respektlos", hieß es unisono. Gut in Erinnerung sind freilich noch jene rot-weiß-roten Fans, die 1998 in Toulouse beim Stand von 1:0 für Kamerun kurz vor Schluss das Weite gesucht hatten. Um dann am Parkplatz den Jubel über Toni Polsters Ausgleich hören zu müssen. Und sich darüber auch gehörig geärgert haben.