WZ Christian Mayr - © Wiener Zeitung

WZ  Christian Mayr

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Die Argentinier sind ja der festen Überzeugung, dass ihnen schon zwei Mal im Finale der WM-Titel gestohlen wurde. (Die dubiosen Umstände des Heim-Triumphes anno 1978 lassen wird lieber mal beiseite.) 1990 in Rom war es ein überharter Elfmeter, der den Deutschen den WM-Pokal bescherte; und 2014 räumte der Deutsche Goalie Manuel Neuer Gaucho-Stürmer Gonzalo Higuain im Strafraum brutal aus dem Weg - doch statt Rot und Elfmeter gab es Freistoß für Deutschland. Der Rest vom Lied ist bekannt.

Dass derlei im Zeitalter des Videobeweises nicht mehr passieren könne, wie gerne behauptet wird, wurde am Dienstag ganz offensichtlich widerlegt. Und damit sind wir wieder bei Argentinien und der Szene des Spiels im Semifinale gegen Kroatien, die an jene des Rio-Endspieles erinnerte.

Die Grundfrage, ob Torhüter Dominik Livakovic den heraneilenden Julian Alvarez niederstieß und also folgerichtig Elfer zu geben ist, oder es vielleicht genau umgekehrt war - dass nämlich der Stürmer den Goalie umrannte - wurde rasch und unwiderruflich entschieden. Daniele Orsato deutete auf den Punkt. Und Punkt aus.

Doch so sicher wie sich die Experten im deutschsprachigen Raum sind, stellt sich die Szene nicht dar. Im britischen TV etwa waren sich die nicht minder qualifizierten Experten Gary Neville, Roy Keane und Ian Wright einig, dass es keinesfalls Penalty war, da der Keeper sogar abgebremst habe und sich ja nicht in Luft auflösen könne. Und bei einer so kniffligen und bedeutenden Entscheidung hätte der Referee sich die Bilder zur Sicherheit am Videoschirm ansehen sollen.

Doch das darf er gar nicht. Denn nur bei einer klaren Fehlentscheidung wird der Umpire gebeten, den sogenannten VAR per On-Field-Review zu nutzen. Dabei hätte es schon genügt, wenn sich Orsato nur vergewissert hätte, eh richtig zu liegen - das hätte auch die Verschwörungstheorien vielleicht etwas eingedämmt. Dass die Albiceleste in Katar überproportional viele Elfer zugsprochen bekommen hat - nämlich schon deren fünf - ist nämlich auch Fakt.

Daher braucht es auch in diesem Punkt endlich eine Reform des VAR - und sei es nur in Form einer Art "Challenge" wie beim American Football, wo dann halt der Trainer den Referee vor den Videoschirm zwingen kann.

Und wenn wir schon bei der Reform sind: Auch das 1:0 der Franzosen im Viertelfinale gegen England war eigentlich irregulär. Three-Lions-Stürmer Bukayo Saka war am gegnerischen Strafraum umgesäbelt worden - im daraus folgenden Konter erzielte Aurelien Tchouameni den Führungstreffer. Ein klares Foul? Ja, hieß es hernach unisono. Nur leider, leider lagen zwischen der Szene und dem Treffer rund 25 Sekunden - zu viel für einen VAR-Check.

Mit Verlaub, das ist eine Absurdität sondergleichen, die sich die Fifa bei so wichtigen Matches nicht länger erlauben darf.

Denken wir nur folgenden Fall: WM-Finale, 89. Minute, Stand 0:0. Ein Team bekommt aus einer klaren, aber übersehenen Schwalbe an der Strafraumgrenze einen Freistoß zugesprochen. Der Schütze trifft zum 1:0 ins Kreuzeck - das Endspiel ist entschieden. Und der Super-GAU für den Fußball perfekt. Denn der irregulär herausgeschundene Freistoß kann und darf vom VAR nicht zurückgenommen werden. Ein regelwidriger Treffer entscheidet die WM, alle haben es gesehen, aber keiner darf etwas machen. Dann wäre der WM-Titel zurecht als "gestohlen" zu bezeichnen.