WZ Christian Mayr - © Wiener Zeitung

WZ  Christian Mayr

- © Wiener Zeitung

Nur noch zwei Spiele - dann ist die umstrittenste und ungewöhnlichste Fußball-WM aller Zeiten auch schon wieder Geschichte. Durchaus Außergewöhnliches bot sich den Fans nach der Vorrunde auch in der heißen K.o.-Phase des Turniers - wobei drei Aspekte besonders hervorstechen.

  • Das Wunschfinale der Scheichs. Rein sportlich gesehen ist Argentinien vs. Frankreich ein Traumfinale, das die Herzen der Fans weltweit höherschlagen lässt. Und hätte sich der Veranstalter eine Final-Konstellation wünschen können, wäre genau diese Paarung herausgekommen. Hier der sentimentale Held Lionel Messi, der endlich den verdienten WM-Pokal bekommen kann; dort sein würdiger Nachfolger auf dem Thron des Weltfußballs, Kylian Mbappé. Beide engagiert beim französischen Serienmeister PSG, beide Kicker damit de facto im Eigentum von Katar, das den Hauptstadtklub zur Blüte gebracht hat. Und unvergessen ist, dass die Grande Nation bei der WM-Vergabe für Katar damals das Zünglein an der Waage war, es also ohne Frankreich die Wüsten-WM wohl nie gegeben hätte. Dass diese Konstellation gewisse Verschwörungstheorien befeuert, ist nicht wirklich überraschend. Allerdings ist eine Bevorzugung durch die Schiedsrichter glatter Unsinn. Beide Teams wurden im Turnierverlauf durch falsche Entscheidungen immer wieder auch benachteiligt - etwa die Albiceleste beim 1:2 zum Auftakt gegen Saudi-Arabien.
  • Die Achtelfinalweltmeister. Das Finale hätte ja auch Brasilien vs. Portugal lauten können. Nach den Galavorstellungen der beiden Selecaos im Achtelfinale sahen nicht wenige Experten beide Nationen als absolute Titelfavoriten an. Und auch die Teams sprachen schon ganz offen vom WM-Pokal: "Wir werden im Finale lachen", meinte etwa Brasiliens Superstar Neymar. Die echten Finalisten mieden derlei Prognosen indes wie der Teufel das Weihwasser - aus gutem Grund. Zudem wird nicht der am Ende Champion, der einmal sechs Tore schießt, sondern eher der, der im Turnierverlauf sechs Mal ein Tor schießt.
  • Die unsympathische Überraschungself. Normalerweise fliegen den WM-Außenseitern, die es bei der Endrunde weit bringen und die Favoriten straucheln lassen, die Herzen der gesamten Fußballwelt zu. WM-Halbfinalist Marokko hat indes das Kunststück vollbracht, dass dem nicht so ist. Obwohl als erste afrikanische Mannschaft in der Runde der besten vier, hat sie eine Großchance auf so wichtige Sympathiepunkte vertan. Und das hat weniger mit der destruktiven Spielweise der Atlaslöwen zu tun, sondern auch mit den gesellschaftspolitischen Umständen der ersten WM im islam-arabischen Raum. Das demonstrative, kollektive Niederknien und Beten der Kicker nach erfolgreichen Spielen irritiert erst recht in jenem Gastgeberland, wo die Scharia letztlich die Grundlage für die vielkritisierte Menschenrechtslage ist. (So viel zum angeblich unpolitischen Turnier.) Feindselige Fans der gesamten arabischen Welt, die Hymnen und Gegner auspfeifen, offenbaren mehr als nur schlechtes Benehmen. Und die gewalttätigen Ausschreitungen nach Siegen (!) durch marokkanische Migranten in Europa empören schlichtweg. Bleibt zu hoffen, dass wenigsten das Motto der marokkanischen Kicker in diesen Problemvierteln angekommen ist: "Du kannst eine Weltmeisterschaft nicht mit Wundern gewinnen, sondern nur mit harter Arbeit", meinte etwa Teamchef Walid Regragui.