Die Polizei hatte sie schon. Die Terrorspezialisten in Strumpfmasken hatten Aurore Martin an Armen und Beinen gefasst und aus der Wohnung ihrer Schwester im ersten Stock eines kleinen Hauses in Bayonne geschleppt. Doch weiter als bis zur Eingangstür kamen die französischen Beamten nicht. Denn dort wartete bereits ein Haufen übelgelaunter Basken auf sie und machte ihnen eindringlich klar, dass es ihnen nicht gelingen würde, Martin mitzunehmen. Die Polizisten hielten es daraufhin für das Klügste, ihre Beute freizulassen und Verstärkung zu holen.

Aurore Martin ist Französin aus dem Baskenland, einer Region, die sich die Franzosen mit den Spaniern teilen. Die Verbundenheit mit ihrem Land wurde schon als Kind geprägt, als sie ihre Eltern auf eine Ikastola schickten, also eine Schule mit Baskisch als Unterrichtssprache.

Nachdem sie mit 22 Jahren zu Unrecht einen Monat im Gefängnis verbrachte, wurde sie politisch aktiv und schloss sich der Batasuna an. Diese baskische Separatistenpartei steht der Untergrundorganisation ETA nahe, die seit den 1960er Jahren in Spanien für Anschläge mit hunderten Toten verantwortlich zeichnet. Dort ist die Partei daher verboten worden, wenn auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine organisatorische oder finanzielle Verbindung als nicht gegeben erachtete. In Frankreich ist die Partei hingegen erlaubt. Um ihrer dennoch habhaft zu werden, hat die spanische Justiz einen europäischen Haftbefehl wegen "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" gegen Martin erlassen. Der wurde von einem französischen Gericht bestätigt. Zu den Vorwürfen gegen Martin zählen: Meinungsartikel, die sie (auf Französisch) verfasst hat, sowie Pressekonferenzen und öffentliche Auftritte, die sie auf spanischem und französischem Boden abgehalten hat.

Nachdem die Polizisten am Dienstag abgezogen waren, um Verstärkung zu holen, taten die Sympathisanten Martins dasselbe. Zu Hunderten liefen sie zusammen, brachten die 32-Jährige in ein Café und postierten sich vor dem Eingang. Die Polizisten, die den Platz inzwischen umstellt hatten, beschlossen, auf eine Eskalation zu verzichten und zogen ab. Vom Tisch ist die Angelegenheit damit aber nicht. Innenminister Claude Guéant erklärte, dass dem Haftbefehl auf jeden Fall entsprochen werde.

Sollte die französische Regierung Martin ausliefern, so wäre sie die erste französische Staatsbürgerin, die von Frankreich an einen anderen Staat für einen Prozess übergeben wird, empören sich ihre Anhänger. Doch zuerst einmal müsste die Polizei Martin verhaften können, oder wie der Franzose sagt: "Man sollte nicht das Fell des Bären verkaufen, bevor man ihn erlegt hat."