Auf einer Hauptverkehrsstraße der saudi-arabischen Hauptstadt Riad steht ein abschreckend wirkendes Gebäude. Das Innenministerium hat hier seine Zentrale. Der Ort symbolisiert die strikt kontrollierte Sicherheit des Königreichs. Die Liberalen des Landes erschreckt er, die Konservativen begrüßen ihn. Hier hat auch Nayef bin Abdul Aziz, der neue saudi-arabische Kronprinz und voraussichtliche künftige König, seinen Sitz.

Während der Turbulenzen des arabischen Frühlings ist es in Saudi-Arabien überraschend ruhig geblieben. Zum Teil liegt das an der Popularität des 87-jährigen Königs Abdullah, zum Teil an der Effizienz der Sicherheitskräfte von Prinz Nayef. Proteste gab es, besonders von Schiiten im Osten, aber sie wurden eingedämmt, ohne dabei Zivilisten zu töten, wie es in anderen Ländern der Fall war.

Wie geht es weiter in Saudi-Arabien? Diese Frage sorgt für Gesprächsstoff, seit der 78-jährige Nayef im Oktober nach dem Tod von Kronprinz Sultan zum Nachfolger bestimmt wurde. Da sich die Gewalt in Ägypten und Syrien ausbreitet, ist die politische Stabilität des Landes eine entscheidende Variable.

Nayef ist so etwas wie ein Mysterium, auch für viele Saudis. Er soll dem religiösen Establishment nahestehen, was ihn zum Blitzableiter für liberale Kritiker macht. Und er machte beunruhigende Aussagen, zum Beispiel, indem er in Frage stellte, ob irgendeiner der Attentäter der 9/11-Anschläge ein Saudi war (15 waren es laut USA). Andererseits setzte er harte Schritte gegen Al-Kaida. Als zurückhaltend wird er beschrieben, als sehr fleißiger und energischer Manager. Aber sonst nur ein Achselzucken bei den meisten Beobachtern.

Kontinuität ist die Botschaft, die Nayef und seine engsten Berater übermitteln wollen. Einer seiner Top-Berater sagte mir, dass Nayefs Politik dieselbe wie die Abdullahs sein werde: "Wir werden mit den Reformen fortfahren, in unserem Tempo, nach unserem Fahrplan." Zum Aufruhr, bei dem im Februar Hosni Mubarak in Ägypten gestürzt wurde, bemerkte er: "Kluge Menschen lernen aus Fehlern anderer."

Den politischen Wandel in Saudi-Arabien einzuschätzen, ist wie dem Gras beim Wachsen zuzusehen: Beides geht so langsam vor sich, dass man es kaum bemerkt.

Es existieren keine normalen NGOs oder politische Parteien, und die Netzwerke von Aktivisten sind schwach, sogar im Internet.

"Ich kann mir keinen Richtungswechsel vorstellen, wenn Nayef kommt", sagte der saudi-arabische Außenminister Prinz Saud al-Faisal, einer der klügsten Köpfe der arabischen Welt, in einem Interview. "Nayef ist ein Teil der Regierung gewesen."

"Saudi-Arabien bewegt sich auf mehr Partizipation der Menschen zu", fasste Prinz Saud die Zukunft zusammen. Das politische Wachstum in Saudi-Arabien "mag weniger geschwind als eine Revolution sein". Aber: "Je mehr es verändert, umso mehr setzt sich die Veränderung fort." Hoffentlich hat er recht, und Wandel und Stabilität finden in Saudi-Arabien eine Balance.

Übersetzung: Redaktion