Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.
Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.

Jetzt werden andere Register gezogen. Via Zeitung werden Unterschriften gesammelt. Natürlich wird nicht argumentiert, dass die MedUni dazu da sein soll, frisches Geld in die Spitäler zu spülen (Uni-Spitäler müssen vom Bund mit Millionen subventioniert werden), auch keine Erwähnung, dass die Ärztekammern mit ihrem Pensionssystem (Wohlfahrtsfonds) Probleme bekommen, wenn die Zahl der Ärzte, nicht - wie in den vergangenen Jahrzehnten - weiter um 900 pro Jahr wächst (was dazu führte, dass wir pro Kopf die meisten Ärzte der Welt haben), und auch der Prestigegewinn ist kein Thema; nein, die Bevölkerung muss anders mobilisiert werden: Unterversorgung wegen Ärztemangels. Das macht Angst, treibt Menschen zur Unterschrift, mit der man dann "in Wien Druck machen" will.

Unterlegt wird alles mit Zahlen: So bräuchte es jährlich 1600 Jungmediziner, um einen Ärztemangel wegen der Pensionierungswelle zu verhindern. Um das zu erreichen, wären wenigstens 2000 Studienplätze (fast doppelt so viele wie heute) nötig. Und man kann den Mangel schon spüren, weil Kassenstellen kaum nachzubesetzen und Turnusärzte schwer zu finden sind.

Bei den Zahlen reflektiert man meist auf eine Studie von Leo Chini, der im Auftrag der Ärztekammer Perspektiven der Wohlfahrtsfonds erörterte. Als ernstzunehmende Arztbedarfsstudie war sie nie gedacht. Solche führt freilich das ÖBIG seit Jahrzehnten durch - und stets kam eine Ärzteschwemme heraus. Ein Beispiel: Bereits 1995 wurde ein Anschwellen des Wahlarztsektors wegen zu hoher Ausbildungskapazitäten vorausgesagt. Die Voraussage für 2006 betrug damals 11.300, geworden sind es 10.900(!).

Übrigens konnte jetzt auch die WHO in einer EU-weiten Studie keinen Mangel feststellen.

Wer sich selbst ein Bild machen will, soll offizielle Statistiken überdenken. In Spitälern oder mit Kassenvertrag arbeiten in Österreich etwa 33.000 Ärzte, in Deutschland etwa 320.000. Bei uns kommen dann noch 12.000 Wahlärzte dazu, die es dort nicht gibt. Wir haben (relativ) also 25 Prozent mehr Ärzte als Deutschland - Wahlärzte. Um dies nicht argumentieren zu müssen, wird offiziell einfach angenommen, dass Wahlärzte das System maximal zu 5 Prozent entlasten - also für die Versorgung unwichtig sind; sehr wohl aber für die Arztbedarfsrechnung, die einen Mangel ergeben soll.

Objektiv ist kein Mangel in Sicht. Es gibt aber Mangelerscheinungen. Es wird wirklich schwieriger, Kassenstellen nachzubesetzen und Turnusärzte zu finden. Aber das liegt nicht daran, dass es zu wenig Ärzte oder Absolventen gäbe. Sondern immer weniger Ärzte sind bereit, für das öffentliche System zu arbeiten, das (gerade für Jungärzte) zunehmend unattraktiv wird.

Um dies zu lösen, müssten wir über die Ausbildungs- und Jobsituation, über Anreizsysteme und Zukunftsperspektiven reden. Mehr Studenten würden die Situation nur verschlimmern. Trotzdem: Das Land mobilisiert die sicher nicht ausreichend aufgeklärte Bevölkerung mit Angstargumenten - und der Bund geht garantiert knapp vor der nächsten Wahl in die Knie und genehmigt Linz seine Medizin-Uni.