- © Robert Newald
© Robert Newald

"Unsere Priorität ist der Schutz der Passagiere", räumen Costa Kreuzfahrten in ihrer Stellungnahme zur Havarie der "Costa Concordia" ein. In Anbetracht der (derzeit) elf Todesopfer auf einem als unsinkbar gebauten Schiff klingt das wie ein schlechter Scherz. Die Berichte der Passagiere zum Chaos bei der Evakuierung lassen allerdings die noch schlimmere Vermutung aufkommen, dass die Reederei lügt. Rückenwind erhält die These durch den Zusatz: "Gemäß den gesetzlichen Bestimmungen wird für alle Gäste an Bord innerhalb von 24 Stunden nach Einschiffung eine Notfallübung durchgeführt. Costa verfügt über ein computergestütztes System, mit dessen Hilfe sichergestellt wird, dass alle Passagiere an dieser Übung teilnehmen." Stimmt nicht. Nachgeprüft kürzlich auf dem Schwesternschiff "Costa Serena" auf der Fahrt von Venedig nach Istanbul.

Drei aus unserer Runde gingen zur Notfallübung, der Vierte ließ es darauf ankommen und blieb in der Kabine. Niemand überprüfte Namen. Vielmehr war das Personal, in dem ich meinte, unsere äußerst bemühten Kellnerinnen vom Vorabend zu erkennen, damit ausgefüllt, die Anwesenden in Reihe und Glied zu bringen. Und dort standen wir dann, Schwimmwesten um den Leib, und lernten das Deck mit den Rettungsbooten mit Blicken kennen. Nach 20 Minuten durften wir wieder gehen. Während wir im Gedränge wie in Zeitlupe die Stufen hinaufschlichen, fragten sich manche laut, wozu das Ganze. Wie man in die Rettungsboote hinein kommt, wusste wohl keiner.

Glücklicherweise lenkt die "Costa Serena", ein Las Vegas der Meere, von bedrückenden Gedanken ab: Animation rund um die Uhr, eine Disco, schillernde Bars und mehrere Restaurants bieten jede Menge Gelegenheit, Ideen nicht zu vertiefen. Vorausgesetzt, man findet hin. Denn die Aufzüge halten auf - bei über 3000 Personen an Bord. Gelehrige erdulden dies, wissend, dass der Fußweg genau so lange dauert. Die Stiegen sind - zickzack - geschätzte zwei Meter breit. Und wer von ganz oben bis ganz nach unten will, muss die Treppe wechseln - ein fast schon eingebautes Sicherheitsrisiko. Fantasien von unfreiwillig blinden Passagieren auf Costa-Schiffen, die gezwungen sind an Bord zu verweilen, weil sie nicht mehr herunterfinden, scheinen da gar nicht so abwegig. Und Ängste, dass bei einem Brand das verwinkelte Riesen-Schiff völlig außer Kontrolle gerät, sind völlig naheliegend.

Dafür arbeiten die Animateurinnen sieben Tage von acht Uhr Früh bis Mitternacht und wohnen zu dritt in Kabinen ohne Fenster und schält das meist asiatische Küchenpersonal Kartoffel für Kurzzeit-Verträge. Die Ausgaben müssen in Grenzen bleiben, die Einnahmen müssen steigen. Wie sonst könnte die Reederei elftägige Kreuzfahrten auf der "Costa Serena" für nur 799 Euro statt (regulär) 1699 Euro anbieten? Damit sich das rechnet, lohnt es sich aus Sicht des Unternehmens schon mal, immer größere Schiffe zu bauen und immer mehr Menschen mitzunehmen. Gleichzeitig bleiben die Sicherheitscrews zu wenig geschult oder zu wenig zahlreich und zählt bei der Einstellung von Kapitänen offenbar der Charakter nicht. Etwas stinkt zum Himmel in dieser Mikro-Disneyworld auf hoher See, in der von entspannter Kreuzfahrt keine Rede mehr ein kann. Ganz egal, wie schön es ist die Welt vom Meer aus zu bereisen.