Es gibt mehr Menschen, die sich den Kopf über die Probleme dieses schönen Landes zerbrechen, als man gemeinhin vermuten würde. Allerdings ist fast all diesen semi- und vollprofessionellen Retter Österreichs gemeinsam, dass sie zwar viel zu sagen und zu schreiben, aber faktisch nichts von Belang mitzureden haben.

Über die richtigen Wege zu einem besseren Land besteht naturgemäß keine Einigkeit. Grob vereinfacht lassen sich dabei die unterschiedlichen Zugänge auf eine simple Glaubensfrage reduzieren: Lässt sich das bestehende, fein zwischen Rot und Schwarz austarierte System der Machtaufteilung durch einzelne kleinere Reformimpulse aus seiner andauernden Erstarrung befreien? Oder bedarf es dazu nicht viel eher einer veritablen Revolution, selbstredend einer völlig unblutigen und gewaltlosen?

Vertreter der sanften Evolutionsthese setzen ihre Hoffnung auf die Heilsfolgen eines modifizierten Wahlrechts, das die Persönlichkeit der Kandidaten in den Mittelpunkt rückt. Damit würde, so die Erwartungshaltung, der gesamte Mechanismus der verfahrenen Republik aus den Angeln gehoben. Die Entmachtung der Parteien bei der Vergabe der Mandate - konsequent angewandt auf allen Ebenen - würde die Politik quasi von unten nach oben erneuern.

Nicht von heute auf morgen, aber doch nach und nach. Und so nach geschätzten zwanzig Jahren hätte diese kleine Neuerung das politische System des Landes zum Besseren verändert. Gelernte Österreicher erinnert diese sanfte Entmachtung der Parteizentralen an unzählige Vorhaben mit identischer Zielsetzung, die nur den einzigen Nachteil haben, dass sie allesamt gescheitert sind. Teils sogar grandios. Rare Ausnahmen bestätigen lediglich die Regel. Weshalb bei Kritikern dieses Zustands die Überzeugung reift, dass sanfte Methoden in Österreich nicht zum Ziel führen. Dazu sind die Parteien schlicht zu dickhäutig. Abhilfe verspricht aus dieser Perspektive allein die vorübergehende, dafür jedoch vollständige Entfernung regierender Parteien von der Macht.

In Österreich käme dies, gemünzt auf SPÖ und ÖVP, einer Revolution gleich. Immerhin hat es dies, wenn man sozialpartnerschaftliche Organisation und Ähnliches mit einbezieht, was man unbedingt sollte, seit 1945 nicht gegeben.

An dieser Stelle des ganz schön mutigen Traums wacht der überwiegende Teil der Träumer schweißgebadet auf, weil ihnen allein schon der Gedanke einer Regierungsbeteiligung der FPÖ das Grausen aufsteigen lässt. Einmal aufgewacht, entscheiden sich die meisten, lieber doch mit den Unzulänglichkeiten der ewigen großen Koalition weiter das freudlose Auskommen zu fristen.

Zumindest solange die beiden Parteien noch gemeinsam über die notwendige 50-Prozent-Marke stolpern. Sage keiner, das werden die Helden auch in ihren schlechtesten Tagen noch schaffen. Man sollte das hier schlummernde Talent zur Wählervertreibung nie unterschätzen. Das wäre dann allerdings auch eine Form von Revolution. Irgendwie zumindest.