Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".
Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".

Michael S. Lewis-Beck ist Professor an der Universität von Iowa und derzeit Paul-Lazarsfeld-Gastprofessor in Wien. Der Autor zahlreicher Bücher ("Forecasting Elections", "Economics and Politics") packte auf Einladung der Parlamentspräsidentin Barbara Prammer aus und behauptete, dass sein Instrumentarium nach jahrzehntelanger Wahlforschung in Amerika und Europa fein genug sei, um ein halbes Jahr vor einem demokratischen Wahlgang den Ausgang vorauszusagen.

Er legt sich tatsächlich sechs Monate vor Wahlterminen fest. Lewis-Beck prognostizierte den Untergang des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy für den ersten und den bevorstehenden zweiten Wahlgang und wird etwa im Mai eine Niederlage des amerikanischen Präsidenten Barack Obama voraussagen. Sein Zugang ist, grob gesprochen, die Wirtschaft. Es komme darauf an, was die Wähler ihren politischen Spitzenleuten negativ oder positiv anrechnen und was sie ihnen für die Zukunft zutrauen. Bürger sind üblicherweise keine Wirtschaftswissenschafter, aber eine Meinung bilden sie sich doch. In Demokratien tritt ihr durchaus diffuses Meinungsbild immer wieder zutage - in Umfragen, in Medien, in Diskussionen. Wer zu sammeln versteht, verfügt nach kurzer Zeit über Elemente der Grundstimmung: Wie viel Kompetenz wird einem Regierungschef zugetraut, wie populär ist er, wie wird er mit den wirtschaftspolitischen Herausforderungen fertig? Wahlforscher wie Lewis-Beck scheinen sich angesichts der seit 2008 eingetretenen Weltwirtschaftskrise im Paradies zu fühlen, die Fakten laufen ihnen massenweise zu. Zumindest bis vergangenen Sonntag hätten die Franzosen Sarkozy zwar als "stark" empfunden, aber weit weniger kompetent als in seinen besseren Jahren.

Der Wahlforscher nimmt einen verlässlichen Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftsbild der Wähler und ihrer Wahlentscheidung an. "Wenn die Wirtschaftslage schlecht ist, stimmen die Bürger gegen die Regierungspartei."

Dahinter stecken freilich noch ungelöste Fragen. Welche Rolle spielen Sonderthemen, wie reagieren Wähler auf Regierungskoalitionen, was sind die nationalen Besonderheiten? In Italien neigen unzufriedene Arbeitslose dennoch zur amtierenden Regierung. Das wird so erklärt, dass Italiener ihre Wählerstimmen als eine Art Gegengeschäft betrachten - die Gewählten würden sich um ihre Klientel kümmern.

Es ist schade, dass Lewis-Beck nicht auch Österreich untersucht hat. Über Amerika arbeitete er umso gründlicher. 2008 habe Barack Obama dank der Rassenfrage einen Stimmenvorsprung herausgeholt, aber dieses Thema sei mit seinem Sieg gewissermaßen erledigt. Im November werde der US-Präsident beim Hauptthema Wirtschaft landen. Weshalb Lewis-Beck den Vorwahlen und dem Gemetzel auf republikanischer Seite keinerlei Beachtung schenkt, sondern konstatiert: "Wirtschaftlich sind die USA in schlechter Verfassung. Wäre die Wahl schon jetzt, würde Obama bei etwa 47 Prozent der Stimmen eine Niederlage erleiden."