Surjeet Singh war schon zum Tode verurteilt und hätte seine Familie nie wieder sehen sollen. Vor mehr als 30 Jahren war der Inder in Pakistan wegen Spionage verhaftet und verurteilt worden. 21 Jahre lang wartete er tagtäglich auf die Hinrichtung, bis seine Strafe in eine lebenslange Haft umgewandelt wurde. Am Dienstag wurde der 75-Jährige schließlich aus der Haft entlassen - eine nicht selbstverständliche Geste Pakistans.

1981 verschwand Singh von einem Tag auf den anderen spurlos. Die Frau des Polizisten konnte sich anfänglich nicht erklären, warum er sie und ihre vier Kinder - von denen das jüngste gerade einmal eineinhalb Jahre alt war - allein gelassen hatte. Doch die Familie forschte nach und erfuhr schließlich, was geschehen war. Als seine Tochter alt genug war, beschloss sie, alles zu tun, um ihren Vater zu befreien. Sie kontaktierte Menschenrechtsorganisationen und stieß dabei auf einen pakistanischen Anwalt, der sich bereiterklärte, den Fall zu übernehmen. Nun ist sie am Ende des Weges angelangt und konnte, nachdem zuerst der pakistanische Justizminister und dann der Präsident die Freilassung Singhs bestätigt hatten, ihren Vater wieder in die Arme schließen. "Er hat eine zweite Chance im Leben erhalten", sagte seine Frau Harbans mit Tränen in den Augen.

Auf die erste Euphorie wird schon bald die harte Realität folgen. Dazu gehört der Tod eines seiner Söhne, ebenso wie der seines Vaters und sieben seiner neun Geschwister. Davon wusste Singh bei seiner Freilassung noch nichts. Sein Sohn ist 2005 einem Hirnleiden erlegen. Geld für seine Behandlung hatte die Familie keines mehr. Ohne ihren Erhalter war sie gezwungen, ihr Haus zu verkaufen. Doch auch dieses Geld war irgendwann aufgebraucht, sodass Singhs Kinder keine ordentliche Ausbildung erhielten. Ebenso konnte die Familie aus finanziellen Gründen den Vater nicht besuchen, auch nachdem sie - nach Jahren - in Erfahrung gebracht hatte, wo er festgehalten wurde.

Singhs Frau ist vor allem von der indischen Regierung enttäuscht, die ihr keinerlei Unterstützung zuteil werden ließ. "Mein Mann hat sein ganzes Leben für den Staat geopfert, aber die Regierungen haben uns verleugnet." Denn eines hat Singh bereits zugegeben: die ihm zur Last gelegte geheimdienstliche Tätigkeit. "Ja, ich war dort, um zu spionieren", sagte Singh, nachdem er wieder indischen Boden betreten hatte. Die Bombenattentate, deretwegen er ebenfalls verurteilt wurde, bestreitet er aber bis zum heutigen Tag.

Doch mehr als ein persönliches Schicksal ist Singhs Freilassung ein Zeichen der zaghaften Annäherung zwischen den beiden Erzfeinden.