Die erste sportliche Höchstleistung liegt bereits hinter den Athleten und Athletinnen: die Eröffnungsfeier. Das mag zwar im Fernsehen nicht so aussehen, doch für die Sportler ist dieser spezielle Moment, den viele in ihrer Karriere nur ein einziges Mal erleben, mit großen Anstrengungen verbunden. Sie müssen früh beim Stadion sein, damit alles glatt läuft, und dann müssen sie warten, warten, warten, bis alles losgeht. Der Einzug der 204 Nationen dauert dann auch seine Zeit. Österreich ist als eines der ersten Länder dran. Und bis dann die Briten (der Veranstalter marschiert immer als letzte Nation ein) drin sind, vergehen weitere Stunden, während denen sich einige Sportler wohl die bange Frage stellen, ob sie für diese Eröffnungsfeier nicht eigens hätten trainieren sollen. Die Frage ist: wie? Durch stundenlanges Anstellen auf einem Bahnhof, wenn sich gerade ein ganzer Reisebus mit Zugtickets eindecken will, leider aber nur ein Schalter geöffnet ist?

Bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 war es einerseits extrem heiß, andererseits hatten es die Veranstalter für nötig befunden, die ganze Zeremonie auf mehr als vier Stunden auszuwalzen. Das ist den beteiligten Athleten gegenüber eine Gemeinheit. Einige von ihnen hatten tags darauf Wettkämpfe, die mussten sie mit schweren Gliedern bestreiten.

Und es kann ja nicht Ziel des IOC sein, Bedingungen zu schaffen, dass die Teilnahme an der Eröffnungsfeier im sportlichen Wettkampf einen Nachteil bietet. Da die Granden des Internationalen Olympischen Komitees aber während der Feierlichkeiten sitzen, wird ihnen vielleicht gar nicht dieser Gedanke kommen. Jede Minute ist schließlich auch wertvolle Sendezeit.

Vielleicht ist das Zehrende aber auch bewusst gewollt. Man kennt das ja aus religiösen Prozessionen. Wer daran teilhaben will, muss eben auch eine gewisse Opferbereitschaft mitbringen, um später dann - in dem Fall - von Olympia hohe Weihen verliehen zu bekommen.

Ein bisschen was hat das IOC zweifellos von einer Kirche. Das Wertesystem, auf das sich das IOC beruft, ist in der Olympischen Charta festgeschrieben, es ist quasi die Bibel des Sports, die auch sehr unterschiedliche Interpretationen zulässt. Das Oberhaupt des IOC wird von einem geheimnisvollen Gremium gewählt, und gleich seiner vorherigen Biografie ist dieses dann fortan für die Wahrung dieser Werte zuständig. Jacques Rogge erlebt nun seine letzten Olympischen Spiele als IOC-Präsident. Er hat der Expansion seines Vorgängers ein wenig Einhalt geboten, redimensioniert hat er die Veranstaltung freilich nicht. Das wäre zwar langsam angebracht, nachdem es einfach zu viele Disziplinen, Bewerbe und Sportler gibt, doch das wird nicht passieren. Aber zumindest die Eröffnungsfeier könnte man ein wenig kleiner und kürzer gestalten. Und sei es für die Athleten und Athletinnen, die sich stundenlang die Beine in den Bauch stehen müssen.