Es gibt gute Gründe, warum fremden Besuchern mitunter empfohlen wird, das Thema Politik in manchen Ländern bei Gesprächen mit Einheimischen zu meiden. Zu heikel, zu viel Eskalationspotenzial.

Österreich war durchaus auch einmal ein solches Land, wo nicht nur Durchreisenden geraten wurde, die Rede nicht auf die öffentlichen Dinge zu bringen. Aber das war einmal, sollte man zumindest annehmen.

Irrtum. Neulich beim Abendessen mit Bekannten hat sich wieder einmal gezeigt, dass sich bei Politik der Spaß aufhört. Die Fronten des Bürgerkriegs vom Februar 1934 feierten fröhliche Urständ’, sogar die Sprachbilder aus jener Zeit waren seltsam präsent am Debattentisch. Fast wie in den 1960ern, wenn nicht der gehobene Lebensstil den Eindruck einer Zeitreise verhindert hätte.

Es hat also schon seinen Grund, dass hierzulande die sozialpartnerschaftliche Form des Elitenkonsenses dem Parlament als Ersatzregierung zur Seite gestellt wurde. Sicher ist sicher. Die Gründerväter der Zweiten Republik kannten die Gemütsverfassungen ihrer eifrigsten Parteigänger nur zu gut.

Es ist tatsächlich ein bemerkenswertes Phänomen, dass nach insgesamt mehr als vier Jahrzehnten leidlich guter Regierungszusammenarbeit von Sozialdemokraten und Christlichsozialen die Gräben zwischen den Lagern noch immer unüberwindlich tief sind. Nicht einmal über eine rein materialistische Deutung aktueller oder vergangener Politik ist Verständigung möglich. Weltanschaulicher Überbau muss sein, und der kennt nur richtig und falsch, Recht und Unrecht.

Natürlich stimmt, dass die politischen Lager seit den 1970ern erodieren, die Parteibindungen im Abnehmen begriffen sind, die Wechselwähler längst die größte Partei im Land bilden. All das sind unwiderlegbare gesellschaftliche Megatrends auch in Österreich.

Aber dieser allgemeinen Entwicklung hat sich ausgerechnet eine kleine Gruppe entzogen, die in der Bildungselite überproportional stark vertreten ist, an Universitäten etwa oder in den Medien. Und hier sind die Gräben zwischen den politischen Lagern beinahe so groß wie in den 1930er Jahren.

Warum das so ist, ist eine interessante Frage. Eigentlich sollte man ja vermuten, dass der ideologische Streitwert von Politik nach der beispiellosen Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik sich abgeschliffen hat. Zumindest müsste doch die Banalität der Regierungspraxis beider Parteien dazu geführt haben, dass die verbliebenen Schlachtfelder nur noch rhetorisch bewirtschaftet werden - und selbst das mit höchst bescheidendem Esprit.

Während also ein immer größer werdender Teil der österreichischen Bürger ins politische Nirvana abzugleiten droht, verbeißt sich eine kleine, hochpolitisierte Minderheit in erbitterten Grabenkämpfen, deren Frontverlauf erschütternd genau die Auseinandersetzungen der Vergangenheit widerspiegeln. Katholische Kerzerlschlucker treffen da quasi auf kommunistische Klassenkämpfer - rein rhetorisch natürlich nur und also in bester Salonmanier, aber immerhin.