Christian Ortner.
Christian Ortner.

Man muss weder ein Carl von Clausewitz des 21. Jahrhunderts noch regelmäßiger Stammgast in einer Wiener SPÖ-Sektion sein, um einem Berufsheer eindeutig den Vorzug vor der (noch) gültigen allgemeinen Wehrpflicht zu geben. Es braucht nicht viel mehr als etwa zehnminütiges Behirnen der strategischen Ausgangslage, um zum einfachen Schluss zu kommen: Die Wahrscheinlichkeit, dass unser Bundesheer in naher Zukunft Panzerschlachten und Infanteriegefechte im Marchfeld austragen wird und dazu üppig Menschenmaterial braucht, ist eher gering.

Die einzigen auf weiter Flur sichtbaren militärischen Aufgaben sind friedenserzwingende oder -erhaltende Operationen außerhalb der EU, stets als Teil einer multinationalen Kampfeinheit. Und so etwas ist aus selbsterklärenden Gründen ausschließlich ein Job für ausgebildete Profis und nichts für unbedarfte Grundwehrdiener. Das ist ja auch der Grund dafür, dass praktisch alle EU-Staaten mittlerweile Profi-Armeen betreiben.

Auch wenn ihr politisches Motiv wohl eher das Rekrutieren junger Männer für den Wahlgang 2013 gewesen sein dürfte, hat die Sozialdemokratie in dieser Frage deshalb recht; was um so kurioser ist, als sie ja bloß den von der ÖVP ohne inhaltliche Not entsorgten vernünftigen Standpunkt pro Profiheer auf dem Flohmarkt der Ideen wohlfeil erwerben konnte. (Wenn Wolfgang Schüssel seine Meinung nicht geändert hat, wird er vermutlich bei der Volksabstimmung für das SPÖ-Modell stimmen müssen. Warum auch nicht.)

Nicht ganz redlich ist freilich die Behauptung der Freunde des Berufsheeres, es wäre zum selben Preis oder gar billiger als das jetzige Bundesheer. Wer das glaubt, dürfte seinerzeit auch geglaubt haben, die Eurofighter würden sich über die Gegengeschäfte selbst finanzieren.

Sowohl der simple Hausverstand als auch die internationale Erfahrung legen vielmehr die Vermutung nahe, dass eine Profi-Armee eher teurer wird - es sei denn, man schrumpft sie auf die Größe einer besseren Polizeiwachstube zusammen.

Das ist kein Argument gegen ein Berufsheer - aber sehr wohl ein Argument gegen die immer wieder feststellbare fatale Abneigung beider Regierungsparteien, eine für richtig und notwendig erkannte Entscheidung nur dann offen zu vertreten, wenn damit keine politisch inopportunen Nebenwirkungen verbunden sind. Denn wer richtigerweise für ein teureres Berufsheer argumentiert, muss redlicherweise auch dazusagen, wo er die zusätzlichen Kosten einsparen will: bei den noch immer skandalös frühpensionierten Wiener Gemeindebeamten? Oder bei den ebenso skandalös steuerprivilegierten Bauern? Oder wo sonst?

Wer sich dafür interessiert, warum derzeit politische Gruppierungen jenseits der beiden Regierungsparteien so regen Zulauf haben, findet in der evidenten Mut- und Kraftlosigkeit der Koalition zumindest einen Teil der Antwort. "Hier zieht mein Volk, ich muss ihm nach, ich bin sein Führer" nannte der französische Diplomat Charles Maurice de Talleyrand-Périgord (1754 bis 1838) diese Art des Regierens. Echtes Führen sieht anders aus.

ortner@wienerzeitung.at