Christian Ortner.
Christian Ortner.

Als US-Präsident John F. Kennedy am Brandenburger Tor den legendären Satz "Ick bin ain Berliner" sprach, gab er den vom Kommunismus umzingelten Berlinern Mut und Hoffnung. Als Ronald Reagan an selber Stelle "Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer nieder!" rief, nahm er vorweg, was kurze Zeit später Wirklichkeit wurde.

Was Barack Obama nächste Woche in Berlin sagen wird, wissen wir naturgemäß noch nicht. Zu vermuten ist angesichts seiner diesbezüglichen Erfolgsgeschichte: Der Mann wird eine rhetorisch hervorragende Rede halten, die inhaltlich nicht eben in die Geschichte eingehen wird, um es einmal freundlich zu sagen. So wie letztlich die ganze Präsidentschaft Obamas, die mehr an jene des netten, aber unbedeutenden Erdnussfarmers Jimmy Carter gemahnt denn an Männer wie Kennedy oder Reagan.

Interessant zu beobachten wird nächste Woche in Berlin freilich sein, ob der riesige europäische Obama-Fanclub aus der medialen und der politischen Klasse langsam erkennen wird, was für einer Windnummer sie da, wenn auch meist durchaus aus redlicher Absicht, letztlich aufgesessen sind. Denn noch kein US-Präsident ist in Europa derart idealisiert, zu einem Heilsbringer hochstilisiert und nahezu als Erlöserfigur adoriert worden wie der 44. Amtsinhaber im Weißen Haus zu Washington.

Das kontrastiert ziemlich herb mit den von Obama zu verantwortenden Fakten: der Liquidierung amerikanischer Staatsbürger mit Kampfdrohnen, dem entgegen seiner Wahlversprechen weiteren Betrieb von Guantanamo, der orwellschen Bespitzelung von Milliarden Internet-Usern weltweit, der missbräuchlichen Jagd der Steuerbehörden auf politische Gegner des Präsidenten, der illegalen Beschnüffelung von Journalisten - gegen diese Erfolgsbilanz der Ära Obama nimmt sich sein Vorgänger Richard "Watergate" Nixon fast schon wie ein seriöser Politiker aus. Nicht wirklich besser wird diese Bilanz dadurch, dass die Administration Obama genauso viel Staatsschulden aufgenommen hat wie alle seine 43 Vorgänger zusammen (was freilich mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zu tun hat, die er nicht zu verantworten hat).

Dass Barack Obama gerade in Europa Erwartungen erzeugte, die selbst eine Kreuzung aus John F. Kennedy und Nelson Mandela nicht einlösen hätte können, hat mehrere Ursachen. Erstens: Nach dem schwachen George W. Bush strahlte nahezu jeder Kandidat heller, als eigentlich angemessen war. Zweitens: Obama hatte als Nicht-Weißer einen enormen Sympathie-Bonus, emotional verständlich und sympathisch, in der Sache freilich irrelevant. Drittens: Obama verströmte, nach europäischen Kriterien jedenfalls, einen linksliberalen politischen Duft, der bei der übergroßen Mehrheit der Meinungsführer wesentlich besser ankommt als Männer vom Typus eines Reagan oder des älteren Bush.

Entgangen sein dürfte Obamas europäischen Verehrern freilich, dass noch jeder US-Präsident, sobald er gewählt war, vor allem das nationale Interesse der Vereinigten Staaten im Auge hatte - und nicht die Erwartungen des europäischen Feuilletons. Europas Affäre mit dem ersten schwarzen US-Präsidenten war von Gefühlen getrieben, die zunehmend mit der Wirklichkeit kollidieren.

ortner@wienerzeitung.at